Psychotherapie und ergänzende Behandlungen bei einer posttraumatischen Belastungsstörung

Foto von Mann während einer psychotherapeutischen Sitzung (PantherMedia / yacobchuk1) Häufig reicht die Unterstützung durch Familie und Freunde, um mit einem Trauma zurechtzukommen. Wenn sich jedoch eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, kann eine Psychotherapie dabei helfen, die Folgen zu lindern.

Jeder Mensch macht belastende Erfahrungen, die ihn für längere Zeit nicht loslassen. Aber nicht jeder braucht dann eine Therapie. Viele verarbeiten das Erlebte auch ohne eine Behandlung. Manchmal sind die Erfahrungen jedoch so dramatisch und wiegen so schwer, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Dann kann professionelle Hilfe notwendig werden.

Die Behandlung einer PTBS wird von ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeutinnen oder -therapeuten angeboten, zum Teil mit Weiterbildung in Traumatherapie. Bei jüngeren Menschen übernehmen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten die Therapie. Meistens kann ambulant behandelt werden. Ein Klinikaufenthalt ist unter anderem dann sinnvoll, wenn die Beschwerden für eine ambulante Behandlung zu stark sind oder ein besonderer Schutzraum benötigt wird.

Manche Menschen haben Probleme, ausreichende Unterstützung zu bekommen. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: Einige warten sehr lange auf einen Therapieplatz, andere lehnen Hilfe ab, weil das Erlebte ihr Vertrauen in andere Menschen erschüttert hat oder weil sie sich schämen, davon zu berichten. Manchmal werden die Beschwerden auch nicht richtig erkannt.

Hilfe und Unterstützung

Unmittelbar nach einem traumatischen Erlebnis sind vor allem menschliche Zuwendung und Trost wichtig – sei es durch Familie, Freunde, Arbeitskollegen, andere Betroffene oder professionelle Helfer. Es geht zunächst einfach darum, Sicherheit und Orientierung zu geben. Zum Beispiel nach Unfällen oder Katastrophen wünschen viele Menschen genaue Informationen über das Geschehen und die Konsequenzen. Sie möchten wissen, wie sie weiter unterstützt werden können. Andere wollen mit ihren Gefühlen und Gedanken erst einmal allein sein. Je nach Situation können ganz unterschiedliche Arten der Hilfe benötigt werden.

Meist zeigt sich innerhalb der ersten Monate, ob die Beschwerden anhaltend so beeinträchtigen, dass eine Psychotherapie nötig wird. Die Hausärztin oder der Hausarzt kann beraten, welche Form der Unterstützung sinnvoll sein könnte. Eine erste Beratung ist aber auch in einer psychotherapeutischen Praxis, einer Klinik, Traumaambulanz oder psychosozialen Beratungsstelle möglich. Betriebsärztinnen und -ärzte sind ebenfalls mögliche Ansprechpartner.

Manche Menschen merken erst viele Monate oder Jahre nach einem traumatischen Ereignis, dass es sie zunehmend belastet. Auch dann können zunächst Gespräche mit Freunden, Angehörigen oder anderen Betroffenen helfen. Sie können es leichter machen, die belastenden Erinnerungen und Gedanken zu sortieren – und vielleicht auch erstmals auszusprechen, was einem schon länger auf der Seele liegt. Reicht dies nicht aus, kann man sich ärztlich oder psychotherapeutisch beraten lassen und klären, ob eine Psychotherapie sinnvoll ist und welche Hilfen darüber hinaus noch infrage kommen.

Psychotherapie

Bei einer Psychotherapie geht es zunächst darum, eine vertrauensvolle Beziehung zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten herzustellen. Sie ist eine entscheidende Voraussetzung, um ein Trauma behandeln zu können.

Ein wichtiger Bestandteil der Psychotherapie ist die Traumatherapie. Dabei werden belastende Erinnerungen von der Therapeutin oder dem Therapeuten begleitet. Diese „geschützte“ Konfrontation mit dem Erlebten soll dazu beitragen, dass die Erinnerungen ihren Schrecken verlieren. Zudem werden Hilfestellungen gegeben, um das Erlebte zu verarbeiten.

Bei einer schweren Traumatisierung ist eine Konfrontation manchmal erst nach einiger Vorbereitung sinnvoll, denn eine zu frühe Konfrontation kann die psychischen Probleme auch verstärken.

Im Rahmen der Behandlung können Traumafolgen angesprochen werden, die den Umgang mit den Belastungen erschweren, wie zwischenmenschliche Konflikte oder Probleme am Arbeitsplatz. Manchmal steht auch gar nicht das Trauma selbst, sondern eine weitere Erkrankung wie eine Depression, Sucht oder Angststörung im Vordergrund der Behandlung.

Wann der beste Zeitpunkt ist, mit einer Psychotherapie zu beginnen, lässt sich nicht allgemein sagen. Meist ist es sinnvoll, möglichst früh mit der Behandlung zu beginnen. Eine Traumatherapie kann aber auch dann noch helfen, wenn sie erst Monate oder Jahre nach dem Trauma beginnt.

Eine Psychotherapie ist einzeln oder in einer Gruppe möglich. In die Behandlung können auch Angehörige oder enge Freunde eingebunden werden. Wie lange eine Psychotherapie dauert, ist sehr unterschiedlich. Manchen Menschen reicht eine Behandlung über wenige Monate aus – andere benötigen Jahre. In manchen Situationen können Therapiegespräche unmittelbar nach einem Trauma sinnvoll sein. Dann können schon wenige Sitzungen helfen, eine posttraumatische Belastungsstörung zu vermeiden.

Was passiert bei einer Konfrontation?

Eine Traumatherapie soll einen geschützten Rahmen bieten, um sich mit dem Trauma auseinandersetzen zu können. Ziel ist es, das Erlebte zu verstehen, zu verarbeiten und einen besseren Umgang damit zu finden. Die Therapie ermöglicht die Erfahrung, dass es weniger bedrohlich ist als befürchtet, sich an das Geschehen zu erinnern.

Ein Teil der Traumatherapie ist die Konfrontation. Dabei geht es darum, über die Erinnerung schrittweise und behutsam an das belastende Ereignis herangeführt zu werden. Die wiederholte Konfrontation soll helfen, das Trauma als Teil der persönlichen Geschichte anzunehmen. Man soll sich an das Erlebte erinnern können, ohne von negativen Gefühlen wie Angst überwältigt zu werden.

Die Konfrontation besteht zunächst aus Gesprächen und Erinnerungen. Dabei werden belastende Situationen und der Umgang damit in Gedanken durchgespielt. Abhängig vom Erlebnis kann sich eine direkte Konfrontation in Begleitung der Therapeutin oder des Therapeuten anschließen. Je nach Situation nähert man sich dem Erlebten mal direkt, mal sehr langsam an.

Beispiele für eine direkte Konfrontation sind:

  • wieder Auto fahren nach einem schweren Verkehrsunfall
  • durch den Park gehen, in dem man überfallen wurde

Die belastenden Erlebnisse werden im Rahmen der Therapie detailliert geschildert oder aufgeschrieben. Die Therapeutin oder der Therapeut hilft, für eine bestimmte Zeit in der Erinnerung zu bleiben. Durch die Erfahrung, dass Angst und Aufregung meist nach einer Weile abklingen, können diese starken Gefühle von der Erinnerung entkoppelt werden. Diese Erfahrung wird regelmäßig wiederholt und ist der Kern der meisten erfolgreichen Traumatherapien.

Wenn die Erinnerung aus verschiedenen Bruchstücken besteht, sollen sie zu einer nachvollziehbaren Erzählung verbunden werden. Das Erlebte soll dadurch besser verstanden und als Teil der eigenen Lebensgeschichte angenommen werden.

Nicht zuletzt vermittelt die Therapie, dass andere Menschen vergleichbare Probleme haben. Es kann helfen zu erfahren, dass es nicht an einer Charakterschwäche liegt, wenn man mit der Belastung nicht allein zurechtkommt. Während der Therapie lernt man, Strategien zum Umgang mit dem Erlebten anzuwenden, die sich nach der Behandlung auch allein umsetzen lassen.

Wann ist eine Konfrontation nicht möglich?

Manche Menschen sind noch nicht bereit, sich mit traumatischen Ereignissen auseinanderzusetzen, weil Angst oder Panik noch zu groß sind. Wird man zu früh oder in unangemessener Art und Weise konfrontiert, können die Beschwerden stärker werden. Dies kann beispielsweise nach wiederholten schweren Traumatisierungen in der Kindheit der Fall sein. Solche Erfahrungen können das Vertrauen in andere Menschen tief erschüttern. Wenn das Risiko besteht, dass eine Traumatherapie zu starke Reaktionen auslöst, wird zunächst darauf verzichtet und versucht, eine psychische Stabilisierung zu erreichen.

Auch Menschen, die ihre Gefühle nicht ausreichend steuern können oder die kein geregeltes Alltagsleben haben, sind oft noch nicht bereit für eine Konfrontation mit dem Erlebten. Dann geht es zunächst darum, andere Probleme zu lösen, bevor eine Konfrontation möglich ist.

Starke Reaktionen auf eine zu frühe Konfrontation können zum Beispiel Selbstverletzungen, Abspaltung von Erinnerungen und Persönlichkeitsmerkmalen (dissoziative Störung), Panikstörungen oder körperliche Beschwerden sein. Wenn die Gefahr besteht, dass die Konfrontation Gedanken an Selbsttötung auslöst, wird zunächst darauf verzichtet.

Welche Psychotherapien gibt es?

Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung erstatten die gesetzlichen Krankenkassen folgende Psychotherapien:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Ziel einer KVT ist es zu lernen, Erlebnisse, Verhaltensweisen und Gefühle anders als bisher zu deuten und zu bewerten. Dadurch soll zum Beispiel der Umgang mit Flashbacks – plötzlich aufsteigende deutliche Erinnerungen, die sich nicht verdrängen lassen – verändert werden. Die kognitive Verhaltenstherapie ist vor allem auch geeignet, wenn bestimmte Situationen vermieden werden. Sie ist zur Behandlung der PTBS am besten untersucht.
  • Psychodynamische Therapie: Die psychodynamische Therapie umfasst verschiedene Verfahren, die sich aus der Psychoanalyse entwickelt haben. Sie arbeitet ebenfalls mit einer schrittweisen Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Während der Behandlung soll die Beziehung zwischen aktuellen Erfahrungen und früheren Traumatisierungen deutlich werden. Sie zielt darauf, die Gedanken, Gefühle und Beziehungsmuster zu verändern, die die Beschwerden aufrechterhalten.

Im Rahmen einer Psychotherapie kann auch die sogenannte EMDR-Behandlung eingesetzt werden. EMDR (englisch: Eye Movement Desensitization and Reprocessing) bedeutet übersetzt etwa „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung“. Die Methode folgt einem festen Ablauf in acht Behandlungsphasen. In einer der Phasen bewegt die Therapeutin oder der Therapeut während der Konfrontation einen Finger gleichmäßig vor den Augen der Patientin oder des Patienten hin und her. Diese verfolgen den Finger mit den Augen. Es können stattdessen oder ergänzend auch akustische Reize oder Berührungen wie Klopfen auf das Handgelenk eingesetzt werden. Man nimmt an, dass die Augenbewegungen oder die Berührungen die Informationsverarbeitung erleichtern. Dies soll helfen, Erinnerungen angstfreier abzurufen.

Wie gut helfen die verschiedenen Verfahren?

Zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung sind die kognitive Verhaltenstherapie und die EMDR am besten untersucht. Studien zeigen, dass beide Verfahren sehr wirksam sind. Etwa die Hälfte der Betroffenen hat aufgrund der Therapie keine posttraumatische Belastungsstörung mehr, bei anderen kann sie die Beschwerden zumindest lindern.

Die psychodynamische Therapie wird bei vielen psychischen Erkrankungen angeboten. Zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung wurde sie bislang jedoch kaum in vergleichenden Studien untersucht. Deshalb lässt sich schlecht beurteilen, wie gut sie hilft.

Auch Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen kann eine Psychotherapie helfen und ihre Beschwerden lindern. Für sie ist die kognitive Verhaltenstherapie am besten untersucht.

Eine Psychotherapie hilft aber nicht in jedem Fall. Manchmal bleiben die Beschwerden trotz der Behandlung bestehen. Einige Menschen brechen die Behandlung auch ab.

Ergänzende Behandlungen

Vor allem bei einem Klinikaufenthalt werden ergänzende Behandlungen angeboten. Dazu zählen:

  • Ergotherapie
  • Kunsttherapie
  • Musiktherapie
  • Entspannungsübungen
  • Bewegungs- und Körpertherapien

Solche eher körperorientierten und kreativen Therapien sollen aktivieren und positive Erfahrungen bieten. Sie können zudem bei der Annäherung an das Trauma unterstützen. In der Regel werden die belastenden Erinnerungen dann in der Psychotherapie verarbeitet. Deshalb sind die genannten Therapien bei schweren Traumatisierungen nicht zur alleinigen Behandlung geeignet. Sie können aber Menschen unterstützen und helfen, die weniger schwere Symptome haben und keine Psychotherapie machen.

Entspannungsübungen wie autogenes Training eignen sich nicht für jeden. Denn während der Entspannungsphase können traumatische Erinnerungen hochkommen. Bei einer PTBS werden deshalb meist Methoden empfohlen, die mehr mit körperlicher oder geistiger Aktivität verbunden sind.

Yoga, Tai-Chi oder Achtsamkeitstraining können dabei helfen, sich zu entspannen, Körper und Gefühle besser wahrzunehmen und miteinander in Einklang zu bringen. Ziel ist es, die Konzentration zu fördern und die Aufmerksamkeit gezielt zu lenken. Die bisherigen Studien liefern noch keine klaren Ergebnisse – deuten aber an, dass solche Methoden für manche Betroffene hilfreich sein können, um bestimmte Beschwerden in den Griff zu bekommen.

Zum Nutzen von Bewegungstherapien gibt es ebenfalls nur wenige Studien. Diese sprechen aber dafür, dass regelmäßige Bewegung dazu beitragen kann, posttraumatische Beschwerden und Depressivität zu lindern. In den Studien wurden unter anderem Yoga, Radfahren und Krafttraining untersucht.

Viele suchen Wege neben der Psychotherapie, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten und Orientierung, Sinn und Ausdrucksmöglichkeiten zu finden – zum Beispiel durch die Beschäftigung mit Musik, Malen, Handwerk oder Tanz. Andere finden Halt in Spiritualität und Religion. Für gläubige Menschen ist der Beistand einer Seelsorgerin oder eines Seelsorgers nach Schicksalsschlägen oft hilfreich. In den meisten Kliniken gibt es einen Seelsorgedienst.

Schlagwörter: Belastungsstörung, F43, Posttraumatische Belastungsstörung, Psyche und Gemüt, Trauma