Ich habe gedacht, dass man mit einer PDA nichts mehr spürt

Foto von Paar mit Neugeborenem (PantherMedia / Robert Kneschke) Claudia, 38 Jahre, drei Monate alter Sohn

„Für mich ist eine Geburt ein natürlicher Vorgang. Deshalb wollte ich nicht in einem Krankenhaus entbinden. Ich habe die Geburt in einem Geburtshaus geplant und mich damit im Vorfeld gegen eine Periduralanästhesie (PDA) entschieden.“

Eine Bekannte von mir hält die PDA für einen großen medizinischen Fortschritt und ist der Meinung, dass alle Frauen eine PDA erhalten sollten, da sie dadurch nicht mehr leiden müssten. Ich kenne aber auch Frauen, die sagen, dass man diesen Schmerz eben überstehen muss, und dem eine metaphysische Wirkung beimessen. Weder die eine noch die andere Haltung hat mich angesprochen. Ich wollte in einem Geburtshaus entbinden, einfach, weil ich die Geburt nicht unnötig medikalisieren wollte. Ein wichtiger Grund dafür war auch, dass ich die Hebamme, die mich betreut hat, vorher kannte.

Ich denke, dass für das Empfinden des Schmerzes die individuelle Einstellung zum Schmerz eine sehr große Bedeutung hat. Ich hatte so die Meinung, dass die Geburt ganz sicher sehr wehtun wird, aber man kommt da schon durch. Vor mir haben es ja auch schon so viele Frauen überstanden.

Über Schmerzen bei der Geburt spricht man nicht

Ich habe mich mit einigen Frauen vorher unterhalten, die schon Kinder bekommen hatten. Ich fand es sehr beeindruckend, dass die Frauen meinten, dass der Unterschied zu anderen Schmerzen der ist, dass man weiß, wofür es ist – und letzten Endes ja etwas Gutes dabei herauskommt. Damit konnte ich etwas anfangen und mich darauf einstellen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man über die Schmerzen bei der Geburt nicht spricht. Das wird gern verschwiegen. Oft wird dann gesagt: „Das war schon unangenehm.“ Oder: „Da will ich jetzt nicht darauf eingehen.“ Vorher habe ich mir gedacht, dass meine Angst zunehmen wird, je näher der Geburtstermin rückt. Aber das war nicht der Fall. Irgendwie bin ich immer ruhiger geworden. Ich habe mir gedacht: „Das wird schon werden.“

Vorwehen drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin

Drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin hatte ich plötzlich Schmerzen. Die waren ganz schön heftig. Ich kann das gar nicht so beschreiben. Es fing tagsüber an mit großen Abständen. Es waren so krampfartige Schmerzen und ich dachte – aha, dass sind also Vorwehen. Ich habe dann ein Bad genommen. Dann habe ich sicherheitshalber doch mal angefangen, meinen Koffer zu packen. Das hatte ich bis dahin noch nicht gemacht.

Es waren so krampfartige Schmerzen, wie eine Welle, kein Dauerschmerz, eher wie ein Krampf. Es tut kurz weh und dann hört es wieder auf. Ich bin dann noch mal in die Badewanne gegangen. Das hat zwar gutgetan, aber die Schmerzen gingen nicht weg. Damit war klar, dass das keine Vorwehen waren – es ging los. Es ist vielleicht vergleichbar mit stärkeren Regelbeschwerden. Aber es war kein schrecklicher Schmerz, überhaupt nicht.

Dann ging es rasend schnell

Dann ging es rasend schnell. Die Wehen kamen alle drei, vier Minuten. Das war wie bei sehr starken Regelschmerzen und schon ziemlich schmerzhaft. Wir sind dann in das Geburtshaus gefahren. Als wir dort ankamen, kamen die Wehen alle zwei Minuten. Das war für mein Schmerzmanagement nicht so gut. Das war sehr schnell und ich konnte mich nicht so gut darauf einstellen.

Mein Hauptproblem war, dass ich nicht wusste, wie ich atmen sollte. Im Geburtshaus bin ich nach einer Weile wieder in die Badewanne gegangen. Das hat mir gutgetan. Dann bin ich auf die Idee gekommen, dass ich besonders gut ausatmen kann, wenn ich singe. Dann habe ich angefangen laut zu singen. Meine Hebamme hatte mir vorher gesagt, dass ich ruhig schreien kann, aber ich dachte, dass mich das zu sehr anstrengt. Wenn der Schmerz sehr groß wurde, ging mein Singen in ein Schreien über. Das hat gut geklappt.

Ich konnte dann auch ein paar Atemtechniken einsetzen und habe herausgefunden, dass wenn ich so oder so sitze, dass es dann besser geht. Ich konnte aktiv etwas tun und mitarbeiten. Das hat mir gutgetan.

Die Effektivität der Wehen hatte abgenommen

Irgendwann sagte aber die Hebamme, dass wir ins Krankenhaus fahren sollten, da das Kind noch nicht im Geburtskanal war und weiterhin den Kopf zur Seite gedreht hatte. Wir hatten einiges an Lagerungen probiert, damit der Kopf sich dreht, aber es hat nicht geklappt. Ich hatte große Schmerzen. Es war nicht so, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe, aber irgendwie habe ich gespürt, dass es so nicht gut ist, der Schmerz sich so nicht anfühlen sollte. Die Effektivität der Wehen hatte auch abgenommen. Bei einer bestimmten Lagerung war dann auch ein Punkt, wo ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten habe. Dann habe ich gedacht, dass es gut ist, wenn wir ins Krankenhaus fahren.

Im Krankenhaus haben sie mir dann eine PDA gesetzt. Ich wusste zwar, was das ist, aber so richtig habe ich mich damit nicht auseinandergesetzt. Und jetzt hatte ich kurzfristig auch die Befürchtung, dass die irgendwie danebenstechen. Aber dann habe ich mir gedacht, dass das dort im Krankenhaus sehr oft gemacht wird und Standard ist und es schon gutgehen wird.

Ich hatte dann schon noch Wehen, aber die Abstände waren größer geworden. Ich war sehr müde. Nachdem sie mir die PDA gesetzt hatten, meinte die Hebamme dort, dass ich mich ein wenig ausruhen könnte, auch schlafen. Das habe ich gemacht, zwar nur kurz, aber ich konnte mich ein wenig erholen. Als ich dann aufwachte, bin ich auf die Toilette gegangen und ich konnte mich auch wieder von der einen Seite auf die andere Seite drehen. Das war vorher sehr beschwerlich.

Ich dachte, mit einer PDA bekommt man von der Geburt nichts mit

Vorher habe ich gedacht, dass man mit einer PDA nichts mehr spürt, dass man von der Geburt gar nichts mitbekommt. Das war auch ein Grund, dass ich im Vorfeld keine PDA für mich wollte. Das war dann aber nicht so. Man bekommt die Wehen schon mit. Es ist jedoch nicht schmerzhaft. Man merkt es so, als wenn ein Muskel arbeitet. Es ist kein Schmerz in dem Sinne, kein Pieksen oder Stechen. Man spürt die Kontraktion und kann auch mitarbeiten. Das Team im Kreissaal hat mich sehr gut über alles informiert. Es war überhaupt nicht unangenehm. Die haben das sehr gut gemacht, mit viel Ruhe und waren sehr nett. Ich war wirklich sehr positiv überrascht.

Der Arzt kam dann irgendwann und meinte, dass wir etwas entscheiden müssten. Der Muttermund war schon sehr lange offen und wir sollten über einen Kaiserschnitt nachdenken. Das hat mich überrascht, da ich dachte, man könnte noch ein bisschen mehr probieren. Damit hatte ich mich vorher nicht auseinandergesetzt. Es war aber ein sehr gutes Gespräch mit dem Arzt. Er hat alle meine Fragen beantwortet und mich sehr gut informiert. In dem Moment stand ich aber nicht unter einem akuten Entscheidungsdruck. Dem Kind und mir ging es gut. Aber ich habe mir gedacht, dass das aber auch sehr schnell anders werden kann. Das war so ein Gefühl. Und ich habe mich dann dafür entschieden, auch weil ich den Eindruck hatte, dass die Hebamme nicht davon überzeugt war, mit weiteren Lagerungen und Übungen den Kopf zum Drehen zu bewegen.

Vom Geburtshaus zum Kaiserschnitt im Krankenhaus

Nichtsdestotrotz war das schon eine große psychische Belastung für mich, so von geplanter Geburt im Geburtshaus zum Kaiserschnitt im Krankenhaus. Aber ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Und es lief sehr gut. Sie brauchten für die Betäubung nur etwas nachzuspritzen, da ich ja schon die PDA hatte. Das war gut. Es war, was die Schmerzen angeht, überhaupt nicht schlimm. Der Kaiserschnitt hat nicht wehgetan, das ist mir stark im Kopf geblieben. Denn ich hatte Angst davor, etwas zu erleben wie meine Schwester, die bei der Nachgeburt, also dem Entfernen der Plazenta, starke Schmerzen hatte. Und ich war sehr froh, als mein Sohn dann da war und dass er gesund war und so hübsch. Obwohl es anders gelaufen ist, als ich mir das vorgestellt habe: Es ist alles gut ausgegangen, das war das Wichtigste für mich. Als wir dann zu Hause waren, war ich richtig glücklich.

Wenn ich noch mal ein Kind bekommen sollte, würde ich wieder in ein Geburtshaus gehen, das würde ich wieder machen. Aber ich würde mir einen Vorbereitungskurs aussuchen, in dem Atemtechniken geübt werden. Das wurde in meinem Kurs nicht gemacht – oder ich habe die entsprechende Sitzung verpasst. Ich würde meinen Koffer eher packen (lacht), und ich würde mich nicht verrückt machen lassen. Es läuft alles irgendwie, selbst wenn viel Unerwartetes dazwischenkommt, wie bei mir.

Man muss schauen, was einem gut tut

Man kann den Schmerz wirklich gut in den Griff bekommen. Man muss schauen, was einem guttut. Man kann allen Verfahren etwas Gutes abgewinnen. Die PDA ist eine Form der Schmerzbewältigung. Jede Frau muss das für sich selbst entscheiden. Ich glaube, grundsätzlich gehen alle Frauen davon aus, dass eine Geburt schmerzhaft ist. Es ist jedoch eine andere Situation, als wenn ich ganz plötzlich Schmerzen bekomme. Man kann sich darauf einstellen und sich darauf vorbereiten.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: Entbindung, F82, F83, F89, Fortpflanzung und Geburt, Frauengesundheit, Geburt, Kind und Familie, O09, O26, Schwangerschaft, Z34, Z38