Einleitung

Nintedanib (Handelsname Vargatef) ist seit November 2014 in Deutschland zur Behandlung einer bestimmten Form von fortgeschrittenem Lungenkrebs zugelassen. Es kommt für erwachsene Patientinnen und Patienten mit einem Adenokarzinom der Lunge infrage, die bereits eine Chemotherapie erhalten haben. Das Medikament wird mit Docetaxel kombiniert.

Lungenkrebs entsteht durch die bösartige Neubildung von Zellen der Atemwege (Bronchien) und ihrer Aufzweigungen, den Bronchiolen. Deshalb spricht man auch von einem Bronchialkarzinom. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Tumorarten:

  • das kleinzellige Karzinom (englisch: small cell lung carcinoma, SCLC) und
  • das nicht-kleinzellige Karzinom (englisch: non small cell lung carcinoma, NSCLC).

Ein nicht-kleinzelliges Karzinom wird, wenn möglich, operativ entfernt. Manchmal ist es jedoch schon zu groß oder es hat bereits über das Blut- oder Lymphsystem Absiedlungen (Metastasen) in anderen Körperregionen gebildet. In diesem Fall spricht man von fortgeschrittenem Lungenkrebs.

Befindet sich der Tumor im Drüsengewebe der Bronchien, spricht man von einem Adenokarzinom der Lunge. Dieses wird gewöhnlich mit einer Chemotherapie behandelt. Wenn der Lungenkrebs trotz Chemotherapie fortschreitet, steht mit Nintedanib ein neuer Wirkstoff zur Verfügung.

Nintedanib hemmt verschiedene Eiweißstoffe, die für das Wachstum und die Ausbreitung des Tumors verantwortlich sind.

Anwendung

  • Nintedanib wird zweimal täglich in einem Abstand von zwölf Stunden eingenommen. Die Einzeldosis beträgt jeweils 200 mg – das entspricht zwei Kapseln (je 100 Milligramm).
  • Nintedanib wird mit Docetaxel kombiniert. Docetaxel ist ein Zytostatikum, das als Infusion verabreicht wird.
  • Die Behandlung mit beiden Wirkstoffen folgt einem vorgegebenen Behandlungszyklus: Docetaxel wird am 1. Tag jedes Zyklus eingenommen, an den Tagen 2 bis 21 Nintedanib. Danach beginnt ein neuer Zyklus.

Andere Behandlungen

Für Personen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, bei denen das Adenokarzinom trotz Chemotherapie fortschreitet, kommt als Standardbehandlung eine weitere Chemotherapie mit den Wirkstoffen Docetaxel oder Pemetrexed infrage.

Manche Menschen mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs haben ein verändertes Eiweiß im Tumorgewebe, das zum unkontrollierten Wachstum des Tumors beiträgt. Je nach verändertem Eiweiß stehen für diese Personen Gefitinib, Erlotinib oder Crizotinib als Standardtherapie zur Verfügung.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2015 geprüft, welche Vor- und Nachteile Nintedanib für Personen mit fortgeschrittenem Adenokarzinom der Lunge im Vergleich zu den bisherigen Standardtherapien hat.

Für die Bewertung legte der Hersteller dem IQWiG eine relevante Studie vor. Ausgewertet wurden die Daten von etwa 650 Teilnehmenden mit einem Adenokarzinom, die bereits eine Chemotherapie erhalten hatten. Von ihnen bekam eine Gruppe Docetaxel und zusätzlich Nintedanib, die andere Docetaxel und ein Scheinmedikament.

Welche Vorteile hat Nintedanib?

  • Mortalität: Die Studie deutet darauf hin, dass Nintedanib bei Personen, die keine Hirnmetastasen aufweisen, die Lebenserwartung verbessert: Von den Personen, die Docetaxel erhielten, war die Hälfte nach 10 Monaten verstorben. Von denjenigen, die zusätzlich Nintedanib erhielten, war die Hälfte nach etwa 14 Monaten verstorben. Bei Personen mit Hirnmetastasen zeigte sich dagegen kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.
  • Verstopfung: Die Studie liefert einen schwachen Hinweis, dass sich Nintedanib günstig auf eine Verstopfung (Obstipation) bei Personen auswirkt, die zuvor mit Bevacizumab behandelt worden waren: Bei den Personen, die Docetaxel erhielten, dauerte es etwa drei Monate, bis bei der Hälfte von ihnen die Beschwerden zunahmen. Dagegen verstärkten sich die Beschwerden während der Studie bei weniger als der Hälfte der Personen, die zusätzlich mit Nintedanib behandelt wurden. Bei Personen, die kein Bevacizumab als Erstbehandlung erhalten hatten, gab es keinen Unterschied.

Welche Nachteile hat Nintedanib?

  • Durchfall: Es gibt einen schwachen Hinweis, dass die zusätzliche Einnahme von Nintedanib Durchfall (Diarrhö) verstärkt: Bei der Hälfte der Personen, die Docetaxel erhielten, verstärkten sich die Beschwerden nach ungefähr vier Monaten. Bei der Hälfte der Personen, die zusätzlich Nintedanib einnahmen, verstärkten sich die Beschwerden bereits nach ungefähr zwei Monaten.
  • Übelkeit und Erbrechen: Es gibt einen schwachen Hinweis, dass die zusätzliche Einnahme von Nintedanib Übelkeit und Erbrechen verstärkt, wenn der Lungenkrebs Hirnmetastasen gebildet hat: Bei der Hälfte der Personen, die Docetaxel erhielten, nahmen Übelkeit und Erbrechen nach ungefähr vier Monaten zu. Bei der Hälfte der Personen, die zusätzlich Nintedanib einnahmen, verstärkten sich diese Beschwerden bereits nach ungefähr zwei Monaten. Bei Personen ohne Hirnmetastasen zeigte sich dagegen kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.
  • Appetitverlust: Es gibt einen schwachen Hinweis, dass die zusätzliche Einnahme von  Nintedanib den Appetitverlust fördert, wenn der Lungenkrebs Hirnmetastasen gebildet hat. Bei der Hälfte der Personen, die Docetaxel einnahmen, verstärkte sich der Appetitverlust nach ungefähr drei Monaten. Bei der Hälfte der Personen, die zusätzlich Nintedanib anwendeten, nahm er bereits nach ungefähr zwei Monaten zu. Bei Personen ohne Hirnmetastasen zeigte sich dagegen kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.
  • Schwere Nebenwirkungen: Die Studienergebnisse deuten schwach darauf hin, dass bei Frauen, die zusätzlich Nintedanib einnehmen, früher schwere Nebenwirkungen auftreten. Nach etwa 23 Tagen waren bei der Hälfte der Frauen, die Docetaxel erhielten, schwere Nebenwirkungen aufgetreten. Bei der Hälfte der Frauen, die zusätzlich Nintedanib einnahmen, war dies bereits nach 15 Tagen der Fall. Bei Männern zeigte sich dagegen kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

  • Lebensqualität: In der Studie zeigte sich kein Unterschied in der Lebensqualität beider Behandlungsgruppen.
  • Behandlungsabbruch wegen Nebenwirkungen: In der Studie zeigte sich kein Unterschied in der Zahl der Behandlungsabbrüche wegen Nebenwirkungen.
  • Weitere Beschwerden: Beschwerden wie beispielsweise Schmerzen, Bluthusten, Atemnot, Erschöpfung oder Schlaflosigkeit traten unter beiden Behandlungen vergleichbar häufig auf.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis des Gutachtens und eingegangener Stellungnahmen über den .