Migränevorbeugung für Kinder und Jugendliche

Foto von drei Jugendlichen (PantherMedia / auremar) Medikamente können auch Kindern und Jugendlichen helfen, die Beschwerden bei einem Migräneanfall zu lindern. Wenn die Anfälle aber immer wieder auftreten, suchen viele Eltern und Kinder nach Möglichkeiten, ihnen vorzubeugen.

Vor der Pubertät haben etwa 4 bis 5 von 100 Kindern Migräne. Mädchen und Jungen sind dabei gleich häufig betroffen. In der Pubertät tritt die Erkrankung häufiger auf, vor allem bei Mädchen. Insgesamt haben in Deutschland etwa 10 von 100 Jugendlichen Migräne. Bei manchen verschwinden die Anfälle nach der Pubertät, andere haben sie auch noch als Erwachsene. Migräneattacken lassen sich wirksam mit Schmerzmitteln oder Migränemedikamenten behandeln. Einige dieser Mittel sind auch für Kinder und Jugendliche geeignet.

Häufige Migräneanfälle können sehr belastend sein. Manchmal kann dann eine Vorbeugung mit Medikamenten helfen – vor allem in Kombination mit nicht medikamentösen Methoden.

Wodurch kann eine Migräne ausgelöst werden?

Ein Migräneanfall kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden. Diese herauszufinden und zu meiden, kann vielleicht manche Migräneanfälle verhindern. Einzelne Faktoren sind aber oft weniger wichtig: Meist kommen mehrere Umstände und Auslöser zusammen, wenn ein Kind zu Migräne neigt.

Als mögliche Auslöser gelten unter anderem Lärm und grelles Licht. Möglicherweise können auch bestimmte Lebensmittel und Getränke Beschwerden auslösen.

Die Veränderung von Routinen und Gewohnheiten kann ebenfalls eine Rolle spielen, zum Beispiel durch Reisen und klimatische Veränderungen, Änderungen im Tagesablauf sowie durch unregelmäßige Mahlzeiten.

Einige Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass auch Schlafmangel und bestimmte Schlafgewohnheiten Migräne begünstigen können – und dass „bessere“ Schlafgewohnheiten möglicherweise vorbeugen helfen. Dazu gehört zum Beispiel, gegen Abend keine koffeinhaltigen Limonaden mehr zu trinken und vor dem Schlafengehen keine laute Musik zu hören.

Wie kommt man Migräneauslösern auf die Spur?

Kinder und Jugendliche probieren am besten selbst oder zusammen mit ihren Eltern aus, worauf sie empfindlich reagieren. Dabei kann es helfen, für einige Zeit ein Migräne-Tagebuch zu führen und darin zum Beispiel festzuhalten,

  • was in der Zeit vor einem Migräneanfall passiert ist,
  • wann die Migräne anfing und wann sie wieder vorbei war,
  • wie stark die Schmerzen waren,
  • ob Medikamente genommen wurden und wenn ja, welche und wie viele.

Wer auf einen möglichen Auslöser verzichtet, um zu testen, ob er die Migräne beeinflusst, kann dies ebenfalls im Tagebuch notieren.

Es ist wichtig, das Kopfschmerz-Tagebuch über mehrere Wochen oder Monate sehr sorgfältig zu führen. Sonst kann es leicht passieren, dass ein Auslöser übersehen – oder etwas dafür gehalten wird, das gar nichts mit der Migräne zu tun hat.

Welche Rolle spielen Anspannung und Stress?

Anspannung und Stress gelten als mögliche Auslöser von Migräneanfällen. Auch psychische Belastungen, etwa durch eine Trennung der Eltern, Probleme in der Schule oder einen Umzug und damit verbundene Veränderungen können Migräne begünstigen. Bei häufigem Stress kann es sich lohnen, ein Entspannungsverfahren zu erlernen, um besser damit zurechtzukommen. Dies hilft manchen Kindern und Jugendlichen auch, Anfällen vorzubeugen oder sie zumindest abzuschwächen. Für Heranwachsende, die auf Stress mit Kopfweh oder Migräne reagieren, ist es außerdem wichtig, allgemein auf ausreichend Pausen im Tagesablauf zu achten. Auch Bewegung und Sport können helfen, Stress abzubauen – vorausgesetzt, er macht dem Kind Spaß und es besteht kein Leistungsdruck.

Es gibt unterschiedliche Entspannungsverfahren. Am weitesten verbreitet sind die sogenannte progressive Muskelentspannung (Muskelrelaxation) und das autogene Training. Beide Methoden müssen erlernt und geübt werden – entweder in einem Gruppenkurs oder mit einem Programm zum Selbstlernen. Bei der progressiven Muskelentspannung geht es darum, die einzelnen Muskelpartien des Körpers bewusst und wiederholt anzuspannen und wieder zu lösen. Auf diese Weise sollen sich Körper und Geist entspannen und beruhigen. Das autogene Training ist eine Technik, bei dem eine Art Selbst-Hypnose erreicht werden soll. In verschiedenen Übungen im Sitzen oder Liegen konzentriert man sich darauf, einzelne Körperteile zu spüren und sich intensiv in bestimmte Zustände wie Ruhe, Schwere, Wärme oder Kühle hineinzudenken. Dadurch sollen ein tiefer Entspannungszustand erreicht und negative Gefühle abgebaut werden.

Wie lässt sich noch vorbeugen?

Biofeedback

Die Biofeedback-Therapie soll helfen, bestimmte Vorgänge im eigenen Körper bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen. Während einer Sitzung werden Sensoren auf die Haut geklebt, die zum Beispiel die Hirnaktivität oder die Hauttemperatur messen. Die Messung wird auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Durch bewusste Konzentration ist es mit einiger Übung meist möglich, zum Beispiel die Hauttemperatur willentlich zu verändern. Die Messwerte zeigen, ob dies gelingt. Wer lernt, eigene Körperfunktionen zu steuern, soll auf diese Weise auch beginnende Kopfschmerzen besser kontrollieren können. Die Methode muss allerdings trainiert werden, und die Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nicht.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist eine psychotherapeutische Behandlungsmethode. Sie vermittelt Methoden und Strategien, die dabei helfen sollen, Migräneanfällen vorzubeugen. Dahinter steht die Theorie, dass bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen zur Entstehung von Migräneanfällen beitragen. Dies können etwa ungünstige Schlafgewohnheiten oder Probleme beim Umgang mit Stress sein. Im Rahmen der Behandlung lernen Kinder zum Beispiel, wie sie sich von den Schmerzen oder der Angst davor ablenken können. Sie erfahren außerdem, wie ihre Gedanken und Gefühle die Migräne beeinflussen können. Dies kann ihnen helfen, die Symptome als weniger quälend zu erleben und besser damit zurechtzukommen. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie werden oft auch andere Techniken wie eine Entspannungsmethode oder ein Biofeedback vermittelt.

Wie wirksam sind diese vorbeugenden Methoden?

Viele der beschriebenen Möglichkeiten zur Vorbeugung sind bislang nicht einzeln in wissenschaftlichen Studien mit Kindern und Jugendlichen erprobt worden. Allerdings gibt es mehrere Studien, in denen umfangreichere Behandlungspakete untersucht wurden. Die bislang größte Studie dieser Art fand in den USA statt. Daran nahmen 135 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren teil, die eine chronische Migräne hatten. Von chronischer Migräne spricht man bei Migräne-Beschwerden an mehr als 15 Tagen pro Monat.

In der Studie wurde untersucht, wie wirksam eine kognitive Verhaltenstherapie mit Biofeedback im Vergleich zu einer einfachen Schulung ist. Die kognitive Verhaltenstherapie umfasste zehn einstündige Gruppensitzungen, in denen die Kinder und Jugendlichen unter anderem lernten,

  • wie sich Verhalten und Gefühle auf Schmerzen auswirken,
  • wie sie sich von Schmerzen ablenken können,
  • wie sie ihre Aktivitäten so gestalten und anpassen, dass sie nicht zu einer Überforderung werden,
  • wie sie schädliche (übertrieben negative) Gedanken erkennen und sie durch hilfreichere und gesündere ersetzen und
  • wie sie sich mit Biofeedback entspannen können.

An einigen Sitzungen nahmen auch die Eltern teil, um ihre Kinder bei der Umsetzung des Erlernten zu unterstützen.

Die Kinder und Jugendlichen, die nur eine einfache Schulung besuchten, lernten ebenfalls etwas über die Ursachen, möglichen Auslöser und die Behandlung einer Migräne. Sie erhielten aber keine Anleitungen, wie sie mit den Schmerzen besser zurechtkommen können. Zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie oder Schulung wurden alle Kinder in der Studie vorbeugend mit dem Medikament Amitriptylin behandelt.

Die Studie zeigte, dass die kognitive Verhaltenstherapie vielen Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, die Schmerzen besser zu bewältigen. Die Therapie konnte auch die Anzahl der Tage mit starken Migräneschmerzen senken: In den vier Wochen nach der Therapie erlebten die Kinder und Jugendlichen im Durchschnitt fünf Kopfschmerztage weniger als vorher.

Wann kommen Medikamente zur Migränevorbeugung infrage?

Fachleute halten eine vorbeugende Migränebehandlung mit Medikamenten für sinnvoll, wenn

  • mehr als dreimal im Monat Migräneanfälle auftreten,
  • die Anfälle besonders schmerzhaft oder lang anhaltend sind,
  • Medikamente zur akuten Migränebehandlung nicht ausreichend wirken oder zum Beispiel wegen Nebenwirkungen nicht infrage kommen.

Die Entscheidung für eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten hängt aber auch von persönlichen Faktoren ab: Etwa davon, wie stark sich ein Kind von der Migräne beeinträchtigt fühlt oder ob es sich vorstellen kann, jeden Tag Medikamente einzunehmen.

Zur Migränevorbeugung werden Flunarizin, Propranolol und Topiramat eingesetzt. Allerdings gibt es kaum Studien, die diese Medikamente zur Vorbeugung bei jungen Menschen untersucht haben. Sie sind für Erwachsene zur Vorbeugung von Migräneattacken zugelassen. Wenn Kinder mit Migräne Medikamente wie Topiramat einnehmen, handelt es sich um einen sogenannten „Off-Label-Use“. Gemeint ist damit der Einsatz einer Arznei bei einer Patientengruppe oder Erkrankung, für die sie keine Zulassung hat.

Sind Medikamente zur Vorbeugung wirksam?

Ob Topiramat Migräneanfällen bei Kindern und Jugendlichen vorbeugen kann, ist unklar. In einigen Studien verringerte es die Migräneanfälle von etwa drei auf etwa zwei Tage im Monat. Allerdings nahmen an diesen Studien nur Kinder und Jugendliche mit gelegentlicher (episodischer) Migräne teil.

Nebenwirkungen von Topiramat sind Müdigkeit, Sinnesstörungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühle, Geschmacksstörungen und Gewichtsabnahme. Nach einer groben Schätzung könnten bei etwa 25 von 100 Kindern, die das Mittel nehmen, solche Nebenwirkungen auftreten.

Die Wirksamkeit von Flunarizin und Propranolol zur Vorbeugung von Migräne bei Heranwachsenden ist bislang nicht sicher belegt. Auch diese Medikamente haben verschiedene Nebenwirkungen. Propranolol kann Müdigkeit, Schwindel und Schlafstörungen auslösen und ist für Kinder mit Asthma nicht geeignet. Flunarizin kann zu Müdigkeit, Gewichtszunahme, Magen-Darm-Beschwerden und Stimmungsveränderungen führen.

Wer sich für eine medikamentöse Vorbeugung entscheidet, muss etwas Geduld haben: Meist lässt sich erst nach zwei bis drei Monaten sagen, ob die Medikamente die Beschwerden verringern.

Zur Migränevorbeugung werden auch pflanzliche und Nahrungsergänzungsmittel wie Coenzym Q10, Mutterkraut, Vitamin B2 oder Pestwurz angeboten. Ob diese Mittel tatsächlich vor Migräne schützen, ist mangels aussagekräftiger Forschung jedoch unklar.

Für Erwachsene ist der Nutzen von Medikamenten zur Migränevorbeugung besser untersucht. Wenn ein Wirkstoff Erwachsenen hilft, bedeutet das aber nicht, dass er auch bei Kindern wirkt: Zum einen können Arzneimittel auf den Organismus eines Heranwachsenden anders wirken, zum anderen unterscheidet sich die Migräne bei Kindern von der bei Erwachsenen. Nicht zuletzt können geringere Dosierungen erforderlich sein.

Wenn ein Kind oder Jugendlicher vorbeugend Medikamente nimmt, ist es wichtig, die Anwendung alle paar Monate zu überprüfen. Denn bei vielen Heranwachsenden klingt die Migräne mit der Zeit ab, sodass keine Behandlung mehr nötig ist.

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