Medikamente bei Schizophrenie

Foto von Patient und Ärztin (PantherMedia / Goodluz) Antipsychotika (Neuroleptika) lindern die Symptome einer Psychose und beugen Rückfällen vor. Allerdings haben sie teils belastende Nebenwirkungen. Ob ihre Einnahme sinnvoll ist, hängt von der persönlichen Situation und der Krankheitsphase ab.

Antipsychotika hemmen die Aktivität bestimmter Nervenzellen im Gehirn. Dadurch wirken sie beruhigend und mildern Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Die häufig auch Neuroleptika genannten Medikamente gehören zur Gruppe der Psychopharmaka. Sie können die Erkrankung zwar nicht heilen, sind aber manchmal die einzige Möglichkeit, die Beschwerden zu lindern und erneuten akuten Psychosen vorzubeugen.

Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) können bei starker Unruhe und Schlafstörungen vorübergehend helfen. Sie werden dann meist zusätzlich zu Antipsychotika eingenommen. Antidepressiva kommen infrage, um depressive Beschwerden zu behandeln.

Manche Menschen nehmen Antipsychotika (als Tabletten oder Tropfen) nur kurz ein, andere über viele Jahre oder sogar lebenslang. Eine Alternative sind sogenannte Depotspritzen, die über einen längeren Zeitraum wirken. Sie enthalten denselben Wirkstoff und werden regelmäßig im Abstand von wenigen Wochen oder Monaten in den Muskel gespritzt. Ihr Vorteil ist, dass man nicht täglich daran denken muss, die Tabletten einzunehmen.

Wie gut helfen Antipsychotika bei einer akuten Psychose?

Antipsychotika wirken vor allem gegen Wahrnehmungsveränderungen wie Stimmen hören und Wahnvorstellungen sowie gegen Erregungszustände. Gegen Beschwerden wie Antriebslosigkeit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme oder Depressionen sind sie weniger wirksam, aber auch diese können sich bessern.

In verschiedenen Studien zeigte sich:

  • Bei etwa 30 von 100 Menschen bessern sich die Symptome innerhalb von sechs Wochen, wenn sie ein Scheinmedikament (Placebo) einnehmen.
  • Bei etwa 50 von 100 Menschen bessern sich die Symptome innerhalb von sechs Wochen, wenn sie Antipsychotika einnehmen.

Das heißt: Bei etwa 20 von 100 Menschen konnten die Medikamente die Symptome einer akuten Psychose innerhalb von sechs Wochen eindämmen. Zudem hatten einige Menschen wieder eine bessere Lebensqualität und konnten früher ihren normalen Alltag leben.

Oft braucht es etwas Geduld, bis die Medikamente wirken: Häufig tritt die Wirkung innerhalb weniger Stunden bis Tage ein – es kann aber auch einige Wochen dauern, bis sie spürbar wird. Wenn sich die Beschwerden trotz erhöhter Dosis nicht innerhalb von 2 bis 4 Wochen bessern, ist es unwahrscheinlich, dass das Medikament danach noch etwas bewirkt. Dann sollte der Wirkstoff gewechselt werden.

Wie gut Antipsychotika wirken, hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist letztlich sehr individuell. Es kann aber eine Rolle spielen,

  • ob jemand zum ersten oder zum wiederholten Mal eine akute Psychose hat,
  • welche Beschwerden auftreten und wie stark sie sind,
  • welcher Wirkstoff in welcher Dosis genommen wird.

Wie gut beugen Antipsychotika Rückfällen vor?

Mehrere Studien zeigten, dass es innerhalb eines Jahres zu einem Rückfall kam bei

  • etwa 64 von 100 Menschen, die ein Scheinmedikament (Placebo) einnahmen und
  • etwa 26 von 100 Menschen, die Antipsychotika einnahmen.

Das heißt: Bei etwa 38 von 100 Menschen konnten Antipsychotika einen Rückfall verhindern. Sie mussten deshalb auch seltener in einem Krankenhaus behandelt werden. Allerdings lässt sich nicht sicher vorhersagen, welche Menschen auch ohne Medikamente keinen Rückfall mehr bekommen.

Wie lange die Medikamente angewendet werden, hängt unter anderem davon ab, wie viele akute Psychosen bereits aufgetreten sind und wie schwer diese waren. Antipsychotika sollten nicht plötzlich abgesetzt werden, da es sonst leichter zu einem Rückfall kommt. Wenn die Behandlung beendet werden soll, ist es deshalb wichtig, das genaue Vorgehen mit einer Ärztin oder einem Arzt zu besprechen.

Welche Nebenwirkungen haben Antipsychotika?

Mögliche Nebenwirkungen von Antipsychotika sind:

  • Bewegungsstörungen (Zittern, Muskelsteifheit, Bewegungsarmut)
  • unwillkürliche Bewegungen wie Schmatzen, Grimassieren und Kopfbewegungen
  • Schluckstörungen
  • Stoffwechselprobleme
  • innere Unruhe
  • Gewichtszunahme
  • erhöhtes Diabetes-Risiko
  • Mundtrockenheit
  • Blasenentleerungsstörungen
  • Sehstörungen (zum Beispiel verschwommenes Sehen)
  • Schwindel und Kopfschmerzen
  • Müdigkeit und Antriebsarmut

Selten kann es auch zu Herzrhythmusstörungen und ernsten Problemen bei der Blutbildung kommen. Deshalb wird regelmäßig das Blut untersucht.

Manche Bewegungsstörungen entwickeln sich erst nach längerer Einnahme, manchmal erst nach Jahren. Diese halten dann oft lange an und sind schwer zu behandeln.

Ob Nebenwirkungen auftreten und wenn ja, welche, hängt vom jeweiligen Wirkstoff und der Dosis ab.

Die Folgen einer langfristigen Einnahme von Antipsychotika sind noch nicht ausreichend erforscht. So wird beispielsweise vermutet, dass die Einnahme über viele Jahre zur Veränderung bestimmter Hirnbereiche führen könnte. Welche Folgen dies hat, ist jedoch noch unklar.

Worin unterscheiden sich typische und atypische Antipsychotika?

Es werden folgende antipsychotische Wirkstoffe unterschieden:

  • typische Antipsychotika (der 1. Generation)
  • atypische Antipsychotika (der 2. Generation)

Sie wirken an unterschiedlichen Nervenzellen im Gehirn, lindern die Krankheitssymptome aber ähnlich gut. Die wesentlichen Unterschiede sind:

  • Typische Antipsychotika lösen häufiger Bewegungsstörungen aus.
  • Atypische Antipsychotika führen häufiger zu Übergewicht und Stoffwechselstörungen.
  • Einige atypische Antipsychotika wirken etwas besser gegen Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen.

Die Unterschiede hängen zum Teil eher vom einzelnen Wirkstoff ab und weniger davon, welcher Gruppe sie angehören. Wie bedeutsam die Unterschiede sind, ist umstritten und konnte bislang noch nicht vollständig geklärt werden.

Worin unterscheiden sich hochpotente und niedrigpotente Antipsychotika?

Innerhalb der typischen Antipsychotika unterscheidet man wiederum

  • hochpotente Antipsychotika und
  • niedrigpotente Antipsychotika.

Beide Gruppen sind ähnlich wirksam, unterscheiden sich aber in Dosierung und Nebenwirkungen:

  • Bei den hochpotenten Antipsychotika reicht eine niedrigere Dosierung aus, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie niedrigpotente Mittel. Sie führen allerdings häufiger zu Bewegungsstörungen (Muskelsteifheit, Zittern, Zappeligkeit) und unwillkürlichen Bewegungen (Kauen, Schmatzen, Kopfbewegungen).
  • Niedrigpotente Antipsychotika machen eher müde und wirken beruhigend. Sie führen auch eher zu Störungen des vegetativen Nervensystems mit Mundtrockenheit und Verdauungsstörungen.

Wonach richtet sich die Wahl des Medikaments?

In welcher Situation welches Medikament am besten geeignet ist, lässt sich nicht allgemein sagen. So empfehlen verschiedene Ärztinnen und Ärzte zum Teil unterschiedliche Medikamente. Dies liegt auch daran, dass in den meisten Studien keine großen Unterschiede in der Wirksamkeit der einzelnen Mittel beobachtet wurden.

Ohnehin muss immer individuell geprüft werden, wie jemand auf ein Medikament anspricht. Ziel ist es, die jeweils wirksamste Dosis mit den wenigsten Nebenwirkungen zu finden. Wenn ein Medikament nicht ausreichend wirkt, kann die Dosis erhöht oder der Wirkstoff gewechselt werden.

Ärztinnen und Ärzte beginnen meist mit einer niedrigen Dosis und erhöhen diese dann Schritt für Schritt. Bei einer akuten Psychose wird auch manchmal mit einer hohen Dosis begonnen, um Beschwerden schnell zu lindern.

Häufig werden Medikamente kombiniert. Es ist aber unklar, ob dies Vorteile bringt – zumal mit jedem zusätzlichen Medikament das Risiko für Wechselwirkungen steigt.

Sind Antipsychotika bei einer Schizophrenie immer sinnvoll?

Antipsychotika können die Beschwerden und Folgen einer Schizophrenie mildern. Allerdings können ihre Nebenwirkungen unangenehm sein, und nicht immer ist eine Einnahme notwendig. Deshalb ist es wichtig, ihre Vor- und Nachteile genau abzuwägen. Dazu spielen folgende Fragen eine Rolle:

  • Was ist das Behandlungsziel?
  • Wie ausgeprägt sind die Symptome?
  • Um welche Krankheitsphase handelt es sich?
  • Welche Folgen hätte eine erneute akute Psychose?
  • Welche Folgen hätte es, das Medikament zu wechseln?
  • Welche Folgen hätte es, auf Medikamente zu verzichten?
  • Wie schwer sind die Nebenwirkungen?
  • Kann die Dosis so angepasst werden, dass die Nebenwirkungen erträglich werden?
  • Wie wirksam waren bisherige Behandlungen?
  • Welche anderen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?

Auch wenn Medikamente eine akute Psychose lindern und Rückfällen vorbeugen: Dies ist nicht für alle Betroffenen das wichtigste Behandlungsziel. Entscheidend ist vielmehr, wie sehr sie selbst und auch Angehörige oder Freunde unter den Beschwerden und ihren Folgen leiden oder gefährdet sind.

Bei einer akuten Psychose sehen Ärztinnen und Ärzte Antipsychotika meist als notwendig an. Sind die Symptome nur leicht, kann aber manchmal auf Medikamente verzichtet oder mit sehr niedrigen Dosen behandelt werden. Das kann auch möglich sein, wenn sich Auswirkungen einer psychotischen Phase in Grenzen halten und Betroffene in dieser Zeit gut von anderen unterstützt werden. Gleiches gilt, wenn ein Rückfall wenig wahrscheinlich ist – auch wenn sich dies nicht sicher vorhersagen lässt.

Wichtig ist, dass Menschen mit Schizophrenie in die Planung ihrer Behandlung einbezogen und ihre Wünsche berücksichtigt werden. Dies ist aber häufig nicht der Fall und in einer akuten Phase unter Umständen auch schwierig. Es kann einfacher sein, wenn die akuten Beschwerden abgeklungen sind. Nach einiger Zeit lässt sich dann auch besprechen, ob die Einnahme irgendwann beendet werden kann.

Um gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten eine informierte Entscheidung treffen zu können, ist eine umfassende Aufklärung über die Folgen der Medikamenteneinnahme nötig. Dies hilft auch, sich über die persönlichen Behandlungsziele klar zu werden.

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