Kann frühe psychische Hilfe einer posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen?

Foto von älterem Mann (PantherMedia / manaemedia)

Bei Menschen, die durch ein Trauma sehr stark belastet sind, kann eine frühzeitige therapeutische Hilfe einer posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen. Ein Debriefing, bei dem Betroffene, Helfende oder Zeugen kurz nach dem Ereignis unter Anleitung über das Erlebte sprechen, kann dagegen nicht schützen.

Traumatisierte Menschen brauchen schon unmittelbar nach dem auslösenden Ereignis Zuwendung und Unterstützung. Wie diese genau aussieht, hängt von den Bedürfnissen der Betroffenen und der Situation ab. Vielen reicht eine empathische Unterstützung durch Freunde, Familie und Arbeitskollegen aus, um mit dem Erlebten umzugehen. Manche brauchen jedoch professionelle psychologische Hilfe.

Die Diagnose „posttraumatische Belastungsstörung“ wird frühestens gestellt, wenn typische Beschwerden länger als vier Wochen andauern. Eine Psychotherapie wird meist auch erst danach begonnen. Manche Menschen sind auch erst nach einer gewissen Zeit bereit für eine Psychotherapie.

Einigen Menschen werden schon kurz nach einem Trauma professionelle psychische Hilfen angeboten – etwa durch die Berufsgenossenschaft, Bahnbetriebe oder Polizeipsychologen. Sie haben vor allem das Ziel, einer posttraumatischen Belastungsstörung vorzubeugen. In Studien wurden das sogenannte Debriefing und therapeutische Angebote aus der kognitiven Verhaltenstherapie untersucht.

Debriefing

Debriefing“ bedeutet übersetzt „Nachbesprechung“. In der Psychologie bedeutet Debriefing, schon früh nach einem Trauma über das Erlebte zu sprechen. Die Gespräche werden von einer psychologischen oder seelsorgerischen Fachkraft moderiert und folgen meist einem vorgegebenen Ablauf. Dabei wird gefragt, wie die Betroffenen das Ereignis wahrgenommen haben, was sie darüber denken und wie sie sich fühlen. Zudem werden Möglichkeiten besprochen, mit dem Erlebten umzugehen.

Das Debriefing wurde zunächst speziell für Berufsgruppen wie Polizisten und Rettungskräfte entwickelt, die regelmäßig mit dramatischen Ereignissen zu tun haben. Die Helferinnen und Helfer sollen sich in den ersten Tagen nach dem Erlebten in der Gruppe über das Erlebte austauschen und gezielt psychologische Unterstützung bekommen. Das Debriefing wird aber auch bei unmittelbar Betroffenen oder Augenzeugen eingesetzt, zum Beispiel bei Verbrechens- oder Unfallopfern. Die Wirksamkeit des Debriefings wird mittlerweile jedoch angezweifelt.

Was sagen Studien zum Nutzen des Debriefings?

In Studien konnte das Debriefing das Risiko für eine posttraumatische Belastungsstörung nicht verringern. Es wurde sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Trotz Debriefing entwickelten sie in den meisten Studien anschließend genauso häufig ein posttraumatisches Belastungssyndrom wie Menschen, die kein Debriefing hatten – in einer Studie sogar etwas häufiger. Die Beteiligten, zum Beispiel Rettungskräfte, empfinden die gemeinsamen Nachbesprechungen zunächst jedoch oft als hilfreich.

Es gibt Hinweise, dass sich ein Debriefing bei manchen traumatisierten Menschen sogar negativ auswirken könnte. So kann der Zeitpunkt des Debriefings für manche Menschen unangemessen sein, weil sie noch nicht bereit sind, über das Erlebte zu sprechen. Es wird auch befürchtet, dass solche Gespräche manchmal erst belastende Beschwerden auslösen und Selbstheilungskräfte hemmen könnten.

Unterstützung und menschliche Anteilnahme sind nach einem schlimmen Erlebnis wichtig – die bisherigen Studien sprechen aber dagegen, allen Betroffenen, Helfern oder Zeugen nach einem Ereignis ein Gruppen-Debriefing anzubieten. Stattdessen sollte geprüft werden, wer welche Art von Hilfe benötigt. Viele Menschen brauchen zunächst Zeit, ihre Gefühle und Gedanken zu sortieren und signalisieren von selbst, wann und wie ausführlich sie über das Erlebte sprechen möchten.

Kurze kognitive Verhaltenstherapien

Therapeutische Gespräche über das Erlebte und seine Konsequenzen können in bestimmten Situationen schon innerhalb der ersten Wochen nach dem traumatischen Ereignis sinnvoll sein. Solche frühzeitigen Gespräche können sich bei schweren Traumata anbieten, bei denen der Unterstützungsbedarf groß ist – und zu befürchten ist, dass die Beschwerden ohne psychotherapeutische Behandlung nicht wieder zurückgehen. Sie können auch für Menschen sinnvoll sein, die wiederholt Traumata erleben oder schon früh starke Beschwerden zeigen und bei denen eine akute Belastungsreaktion (umgangssprachlich: „Nervenzusammenbruch“) festgestellt wird. Solche Menschen sind durch das Erlebte beispielsweise sehr verwirrt, verzweifelt, stark verängstigt, manchmal aggressiv, haben körperliche Beschwerden und werden zum Teil von Albträumen geplagt.

In einigen Studien wurden ihnen sogenannte Kurzinterventionen angeboten, die sich an der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) orientieren. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie geht es vor allem darum, belastende Erlebnisse und Gefühle anders zu deuten und zu bewerten. Die Gespräche umfassten meist etwa 10 bis 15 Therapiestunden.

Was sagen Studien zum Nutzen von kurzen kognitiven Verhaltenstherapien?

Einigen Betroffenen kann eine frühzeitige therapeutische Hilfe helfen. In Studien betraf dies vor allem Menschen, die starke Symptome einer akuten Belastungsreaktion zeigten. Die Behandlung konnte bei ihnen einer posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen. Dazu fanden in den ersten Wochen nach dem Ereignis mehrere Treffen mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten statt, bei denen über das Erlebte gesprochen und Bewältigungsstrategien vermittelt wurden.

In Studien wurden auch verschiedene Unterstützungsprogramme untersucht, die sich an die kognitive Verhaltenstherapie anlehnen und frühzeitig an traumatisierte Kinder wenden. Beispielsweise an Kinder, die häusliche Gewalt erfahren hatten, sexuell missbraucht worden waren oder Kriegserfahrungen hatten. Studien weisen darauf hin, dass sich solche Programme positiv auf das Familienleben auswirken, Verhaltensproblemen und auch posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen können.

Schlagwörter: Belastungsstörung, F43, Posttraumatische Belastungsstörung, Psyche und Gemüt, Trauma