Kortison richtig anwenden und Nebenwirkungen vermeiden

Kortison ist einer von vielen Wirkstoffen aus der Gruppe der Glukokortikosteroide, kurz auch Glukokortikoide genannt. Der Begriff Kortison wird umgangssprachlich aber oft stellvertretend für alle Wirkstoffe aus dieser Medikamentengruppe verwendet, wie zum Beispiel Betamethason, Mometason oder Prednisolon. Medikamente mit Kortison (Glukokortikoide) gibt es inzwischen seit über 50 Jahren. Anfangs waren ihre Nebenwirkungen noch kaum bekannt und man wusste wenig über ihre sachgerechte Anwendung. Deshalb wurden kortisonhaltige Medikamente in den ersten Jahren nach ihrer Entwicklung oft falsch eingesetzt – nämlich in zu starker Dosierung und über zu lange Zeiträume. Bei vielen Menschen führten sie daher zu teils heftigen Nebenwirkungen.

Auch heute ist die Angst vor einer Kortisonbehandlung noch verbreitet. Sie beruht jedoch häufig auf falschen Vorstellungen oder Fehlinformationen. Das Risiko für Nebenwirkungen ist kleiner als die meisten Menschen glauben – vorausgesetzt, die Mittel werden richtig dosiert und nicht zu lange eingesetzt. Die Risiken und Nebenwirkungen hängen außerdem davon ab, ob das Kortison auf die Haut aufgetragen, in ein Gelenk gespritzt, inhaliert oder als Tablette eingenommen wird. Tabletten haben vor allem bei längerer Anwendung deutlich stärkere Nebenwirkungen als zum Beispiel Cremes, weil das Kortison über den Magen in den Blutkreislauf gelangt und dann im ganzen Körper wirkt.

Mittel zum Auftragen auf die Haut

Kortisonhaltige Salben, Cremes und Lotionen können Hautausschläge sehr wirksam lindern. Daher eignen sie sich vor allem zur Behandlung entzündlicher Hauterkrankungen wie Neurodermitis, anderer Ekzeme oder Schuppenflechte. Bei vielen anderen Hautkrankheiten sind sie jedoch unnütz oder schädlich. Akne, Rosazea und Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Hautpilz können durch kortisonhaltige Medikamente sogar verstärkt werden. Daher ist eine genaue Diagnose wichtig, bevor man zu kortisonhaltigen Mitteln greift.

Mögliche Nebenwirkungen

Mögliche Nebenwirkungen einer äußerlichen Kortisonbehandlung sind Haarwurzelentzündungen, leichte Pigmentstörungen der Haut (weiße Flecken) und die Bildung von Dehnungsstreifen („Schwangerschaftsstreifen“). Viele fürchten sich vor allem vor der hautverdünnenden Wirkung. Eine Hautverdünnung kann sich zum Beispiel durch spinnennetzartig erweiterte Äderchen äußern, die auf der Haut sichtbar werden (Teleangiektasie). Bei richtiger Anwendung ist das Risiko für diese und andere Nebenwirkungen aber sehr gering. Außerdem kann sich die Haut erholen, wenn die Behandlung bei Anzeichen einer dünner werdenden Haut beendet wird.

Sichere Anwendung

Um Nebenwirkungen zu vermeiden, muss die Stärke des Kortisonpräparats der Dicke und Empfindlichkeit der Haut an der betroffenen Stelle angepasst werden.

Kortison ist nicht gleich Kortison: Zur Gruppe der Glukokortikoide zählen über 30 verschiedene Wirkstoffe in unterschiedlichsten Stärken. Sie werden in vier Gruppen eingeteilt:

  • schwache Glukokortikoide wie Hydrokortison und Prednisolon
  • mittelstarke Glukokortikoide wie Prednicarbat und Methylprednisolonaceponat
  • starke Glukokortikoide wie Betamethasonvalerat und Mometasonfuroat
  • sehr starke Glukokortikoide wie Clobetasol

An dünnen, empfindlichen Hautstellen wirkt Kortison stärker, insbesondere

  • im Gesicht,
  • in Gelenkbeugen, zum Beispiel an den Kniekehlen oder den Innenseiten der Ellbogen, Achseln und Oberarmen sowie
  • an den Augenlidern und Geschlechtsorganen.

Zur Behandlung von Gesicht und Gelenkbeugen reichen normalerweise schwache oder mittelstarke Mittel. Die Augenlider und Geschlechtsteile sollten nur mit schwachen Präparaten behandelt werden. Zur Behandlung der behaarten Kopfhaut sowie von Händen und Füßen sind oft stärkere Mittel notwendig, da die Haut hier relativ dick ist und deshalb wenig Wirkstoff in die unteren Hautschichten gelangt. Das Risiko, dass die Haut an diesen Körperstellen dünner wird, ist aber auch bei der Anwendung starker Mittel sehr gering.

Wie ein Kortisonpräparat wirkt, hängt neben der Stärke des Wirkstoffs und der Hautdicke noch von folgenden Faktoren ab:

  • der Dosierung
  • der Trägersubstanz: Kortison wirkt in Salben etwas stärker als in Cremes oder Lotionen, da es in dieser Form von der Haut besser aufgenommen werden kann.
  • der Anwendung: Wenn ein Kortisonpräparat auf feuchte Haut aufgetragen wird, zum Beispiel nach dem Baden, wirkt es stärker als auf trockener Haut. Wird die behandelte Stelle zusätzlich mit einem Verband oder feuchten Umschlag abgedeckt, nimmt die Haut ein Vielfaches vom Wirkstoff auf. Dies sollte man vor allem bei Kleinkindern beachten, wenn behandelte Hautstellen von einer Windel abgedeckt werden.

Viele Menschen tragen zu viel oder zu wenig Kortison auf die Haut auf – meist weil sie unsicher sind, wie die Mittel richtig angewendet werden oder weil sie Angst vor Nebenwirkungen haben. Eine gute Orientierung bietet die sogenannte Fingerspitzeneinheit (FTU, englisch für „Finger Tip Unit“): Eine FTU entspricht der Menge Salbe, die auf dem letzten Fingerglied eines Erwachsenen Platz findet (siehe Grafik). Dies sind etwa 0,5 Gramm. Eine halbe FTU reicht aus, um eine Hautpartie von der Größe der Handinnenfläche einschließlich der Innenseite der Finger einzucremen. 

Grafik: 1 Fingerspitzeneinheit (FTU) - wie im Text beschrieben1 Fingerspitzeneinheit (FTU)

 

Je nach Hautpartie wird das Auftragen folgender Mengen (FTU) empfohlen:

 

Grafik: Empfohlene Salbenmenge für Erwachsene nach Körperfläche

 

Grafik: Empfohlene Salbenmenge für Kinder nach Alter und Körperfläche

 

Kortisonspritzen

Kortisonspritzen werden unter anderem zur Behandlung des Karpaltunnelsyndroms, von Schleimbeutelentzündungen, Schultersteife und entzündlichen Gelenkerkrankungen wie rheumatoider Arthritis eingesetzt. Dabei wird das Kortison in die betroffenen Gelenke oder Muskeln gespritzt. Dies kann zu Schmerzen und Schwellungen an der Einstichstelle führen. Außerdem kann bei mehrfacher Anwendung die Haut an der Einstichstelle dauerhaft heller werden. In den Tagen nach der Behandlung können die Muskeln und Bänder geschwächt sein.

Sehr selten kommt es zu schwerwiegenden Komplikationen. Dazu gehören Gelenkinfektionen, Sehnenrisse (bei Spritzen in das Schultergelenk) und Nervenschäden (beispielsweise bei Spritzen in den Karpaltunnel). Das Risiko für solche Komplikationen ist aber gering.

Um Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden, wird empfohlen, zwischen einzelnen Spritzen vier bis zwölf Wochen Abstand zu halten. Eine allgemein akzeptierte Höchstgrenze für die Zahl an Kortisonspritzen gibt es nicht. Dies hängt auch von der behandelten Krankheit ab.

Kortisonsprays

Kortisonsprays gibt es zum Inhalieren (tiefen Einatmen) oder als Nasenspray. Sprays zum Einatmen werden vor allem zur Behandlung von Atemwegserkrankungen wie Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eingesetzt. Wenn Kortison inhaliert wird, kann es Husten und Heiserkeit auslösen. Vor allem bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem kann es auch zu einer Pilzinfektion im Mund kommen. Um sie möglichst zu vermeiden, wird empfohlen, Mund und Rachen nach der Inhalation gründlich zu spülen. Selten können Kortisonsprays auch eine allergische Reaktion mit Rötungen und Juckreiz im Mund und Gesicht auslösen. Dann ist es sinnvoll, einen anderen Wirkstoff auszuprobieren.

Bei Kindern kann eine dauerhafte Kortisonbehandlung zum Beispiel bei Asthma das Wachstum vorübergehend minimal verzögern. Erwachsene haben ein geringfügig erhöhtes Risiko, mit der Zeit einen Grauen Star zu entwickeln. Das Risiko hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel der Dosierung und Anwendungsdauer der Medikamente. Langfristige Nebenwirkungen einer Inhalationsbehandlung mit Kortison sind aber eher die Ausnahme: Wenn das richtige Mittel korrekt angewendet wird, hat eine längerfristige Behandlung in der Regel keine negative Wirkung.

Nasensprays werden beispielsweise bei allergischem Schnupfen oder chronischer Nasennebenhöhlenentzündung angewendet. Sie lassen die Schleimhäute in der Nase und den Nebenhöhlen abschwellen. Bei allergischem Schnupfen lindern sie Beschwerden wie eine laufende Nase oder Niesen. Bei einer Nasennebenhöhlenentzündung hilft das Spray, besser durch die Nase zu atmen. Nebenwirkungen können eine trockene Nasenschleimhaut oder Nasenbluten sein. Eine kortisonfreie Nasensalbe kann Beschwerden durch eine trockene Schleimhaut lindern.

Kortisontabletten

Kortisontabletten werden zum Beispiel bei vielen unterschiedlichen chronisch-entzündlichen Erkrankungen eingesetzt, um Schübe zu behandeln – vor allem dann, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen. Dazu gehören zum Beispiel die Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis und entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Auch zur Behandlung von allergischen Reaktionen werden Kortisontabletten eingesetzt.

In Tablettenform kann Kortison stärkere Nebenwirkungen haben als bei einer äußerlichen oder örtlich begrenzten Anwendung, da es dann im ganzen Körper wirkt. Das Risiko für Nebenwirkungen hängt aber auch hier vom Wirkstoff, seiner Dosierung und der Dauer der Anwendung ab. Bei einer kurzzeitigen Einnahme über wenige Tage bis maximal zwei oder drei Wochen geht man davon aus, dass ernsthafte Nebenwirkungen eher selten sind. Aber auch dann ist es wichtig, nur so lange wie nötig zu behandeln und dabei die niedrigst wirksame Dosis zu wählen. Bei längerfristiger oder wiederholter Einnahme steigt das Risiko.

Wichtig ist außerdem, Kortisontabletten nach längerer Anwendung nicht abrupt abzusetzen. Die Ärztin oder der Arzt legt zum Ende der Behandlung ein Schema fest, nach dem die Dosis allmählich verringert wird („Ausschleichen“).

Mögliche Nebenwirkungen bei längerfristiger Einnahme sind:

Nicht jeder Wirkstoff löst alle diese Nebenwirkungen aus. Wie wahrscheinlich es ist, dass sich eine Nebenwirkung entwickelt, hängt außerdem davon ab, ob noch andere Erkrankungen bestehen. Manche Nebenwirkungen treten nur vorübergehend während der Einnahme auf, andere können von Dauer sein.

Für bestimmte Nebenwirkungen lässt sich das Risiko senken. So hilft die zusätzliche Einnahme magenschützender Medikamente wie zum Beispiel Protonenpumpenhemmer, Magengeschwüre zu vermeiden. Durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen zum Beispiel von Blutdruck, Blutzuckerwerten oder Knochendichte können mögliche Folgeprobleme rechtzeitig erkannt werden. Um sich vor Infektionen zu schützen, hält man am besten Abstand zu erkrankten Menschen. Vor einer Impfung ist es sinnvoll, die Ärztin oder den Arzt darüber zu informieren, wenn man regelmäßig Kortisontabletten einnimmt.

Da Kortisontabletten die Wirkungen anderer Medikamente verstärken oder abschwächen können, ist es außerdem wichtig, der Ärztin oder dem Arzt mitzuteilen, welche anderen Mittel man einnimmt, bevor man eine Behandlung mit Kortisontabletten beginnt.

Kortisontabletten werden in der Regel morgens mit dem Frühstück eingenommen – sofern kein anderes Einnahmeschema festgelegt wurde.