Herzrhythmus normalisieren: Ja oder nein?

Foto von Paar (PantherMedia / kurhan) Bei einem Vorhofflimmern ist der Herzrhythmus gestört und das Herz schlägt meist schneller als normal. Der zu hohe Puls lässt sich durch Medikamente wie Betablocker senken. Zudem kann man versuchen, den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen und zu erhalten. Dies ist vor allem bei ausgeprägten Symptomen sinnvoll.

Bei einem Vorhofflimmern erst einmal den normalen Herzrhythmus (Sinusrhythmus) wiederherzustellen, klingt naheliegend. Doch auch wenn dies gelingt, tritt das Vorhofflimmern bei den meisten Menschen früher oder später erneut auf – manchmal unbemerkt. Außerdem sind die Behandlungen, die zur Wiederherstellung des Sinusrhythmus eingesetzt werden, mit Nebenwirkungen und Risiken verbunden – auch für ernsthafte Komplikationen. Daher lohnt es sich, gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt die Vor- und Nachteile einer solchen Behandlung gut abzuwägen.

Wichtig ist: Selbst wenn das Herz nach der Behandlung wieder in normalem Rhythmus schlägt, bleibt das Schlaganfall-Risiko erhöht. Deshalb ist es trotzdem oft nötig, weiterhin gerinnungshemmende Medikamente zu nehmen.

Puls senken oder Herzrhythmus normalisieren?

Bei den meisten Menschen mit Vorhofflimmern wird nur der zu hohe Pulsschlag behandelt. Ziel dieser Herzfrequenz kontrollierenden Behandlung ist es, das Herz zu entlasten und störende Symptome zu beseitigen. Üblicherweise wird der Ruhepuls mit Betablockern zunächst auf unter 110 Schläge pro Minute gesenkt. Reicht dies nicht aus, um die Beschwerden zu lindern, kann man versuchen, den Ruhepuls mit einer höheren Dosierung oder weiteren Medikamenten auf niedrigere Werte zu bringen.

Es kann auch versucht werden, den Sinusrhythmus durch Medikamente oder eine Behandlung mit einem leichten Stromstoß wiederherzustellen. Der Fachbegriff hierfür ist medikamentöse oder elektrische Kardioversion. Im Anschluss an die Kardioversion nimmt man üblicherweise Medikamente zur Stabilisierung des Herzrhythmus (Antiarrythmika). Sie sollen Rückfällen vorbeugen. Diese Behandlungsstrategie wird Herzrhythmus stabilisierende Behandlung genannt.

Was spricht für eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung?

Wenn es gelingt, den Sinusrhythmus wiederherzustellen, hat dies zwei Vorteile: Zum einen lassen sich mögliche Beschwerden des Vorhofflimmerns lindern. Zum anderen ist das Herz nach einer erfolgreichen Kardioversion wieder voll leistungsfähig. Gründe für eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung sind daher:

  • störende Symptome: Zum Beispiel, wenn sich Beschwerden wie Herzklopfen oder Erschöpfung durch eine Pulssenkung nicht ausreichend lindern lassen.
  • erstmaliges, akutes Auftreten: wenn ein Vorhofflimmern zum ersten Mal auftritt oder noch nicht lange besteht. Man geht davon aus, dass die Chancen, den Sinusrhythmus wiederherzustellen und langfristig zu erhalten, dann höher sind.
  • eine Herzschwäche: Wenn der Verdacht besteht, dass das Vorhofflimmern Ursache einer Herzschwäche ist, kann eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung sinnvoll sein, um die Pumpleistung zu verbessern.
  • Wenn das Vorhofflimmern eine behandelbare Ursache hat: Wird das Vorhofflimmern durch eine andere Erkrankung wie zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion verursacht, wird zunächst diese Grunderkrankung behandelt. Wenn sich der Sinusrhythmus dann nicht von selbst wieder einstellt, wird eine Kardioversion probiert. Bei einer ausreichenden Behandlung der zugrundeliegenden Krankheit bleibt der Herzrhythmus danach oft langfristig stabil.

Manchmal gibt es noch andere Gründe, es mit einer Kardioversion zu versuchen – zum Beispiel bei sehr sportlichen Menschen, die viel Wert auf die volle Leistungsfähigkeit ihres Herzens legen.

Was spricht gegen eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung?

Gegen eine Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus sprechen vor allem die Risiken und begrenzten Erfolgsaussichten einer solchen Behandlung:

  • Behandlungsrisiken: Die Medikamente, die bei einer Herzrhythmus stabilisierenden Behandlung eingesetzt werden, können selbst Herzrhythmusstörungen auslösen, die manchmal lebensbedrohlich sind. Außerdem erhöht eine Kardioversion vorübergehend das Risiko für einen Schlaganfall. Denn wenn das Herz in den Sinusrhythmus zurückspringt, kann sich im linken Vorhof ein Blutgerinnsel lösen und zu einem Schlaganfall führen. In den ersten Wochen nach einer Kardioversion ist zudem die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich im Herzen neue Blutgerinnsel bilden. Diese Risiken lassen sich durch eine vorbeugende Behandlung mit Antikoagulanzien zwar senken, aber nicht ganz beseitigen.
  • begrenzte Erfolgsaussichten: Zwar gelingt es zunächst oft, den Sinusrhythmus wiederherzustellen. Langfristig kehrt das Vorhofflimmern bei den meisten Menschen aber wieder zurück.
  • begrenzte Vorteile: Studien haben gezeigt, dass eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung im Vergleich zur Herzfrequenzbehandlung weder die Lebenserwartung verlängert noch besser vor Folgeerkrankungen wie Schlaganfällen schützt.

Weitere Gründe, die gegen eine stabilisierende Behandlung sprechen können, sind:

  • Das Vorhofflimmern besteht seit über einem Jahr: Die Aussichten für eine erfolgreiche Stabilisierung des Sinusrhythmus sind dann gering.
  • höheres Alter: Vor allem für Menschen in hohem Alter ist es sinnvoll, eine Kardioversion wegen der Risiken gut abzuwägen.
  • erneutes Auftreten: Die Erfolgsaussichten sind bei einer wiederholten Kardioversion geringer als bei der ersten.
  • bestimmte Begleiterkrankungen wie zum Beispiel eine chronische Nierenschwäche oder andere Herzerkrankungen.
  • praktische Nachteile: Eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung erfordert oft mehr Kontrolluntersuchungen und Medikamente, um Rückfällen vorzubeugen.

Viele Menschen benötigen auch nach Wiederherstellung des Herzrhythmus Medikamente zur Kontrolle der Herzfrequenz. Denn manchmal ist der Puls auch dann noch erhöht, wenn es gelungen ist, den Herzrhythmus zu normalisieren.

Wie sind die langfristigen Erfolgsaussichten einer Herzrhythmus stabilisierenden Behandlung?

Vorhofflimmern kehrt nach anfangs erfolgreicher Kardioversion bei vielen Menschen zurück: in Studien bei bis zu 80 von 100 Menschen innerhalb eines Jahres. Die Erfolgsrate lässt sich durch die längerfristige Einnahme von antiarrhythmischen Medikamenten etwas verbessern. Aber nur selten gelingt es, den Herzrhythmus dauerhaft im Sinusrhythmus zu halten.

Antiarrhythmische Medikamente können bei längerfristiger Einnahme eine Reihe von Nebenwirkungen haben. So lösen sie bei bis zu 5 von 100 Menschen selbst Herzrhythmusstörungen aus, die manchmal lebensbedrohlich sein können. Andere mögliche Nebenwirkungen sind Sehstörungen, eine lichtempfindliche Haut sowie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Sie verschwinden, wenn man die Medikamente wieder absetzt.

Welche Behandlungsstrategie wählen?

Die Entscheidung für oder gegen eine Herzrhythmus stabilisierende Behandlung ist letztlich eine persönliche. Sie hängt davon ab, wie man die Vor- und Nachteile für sich selbst abwägt. Viele medizinische Fachgesellschaften empfehlen sie nur dann, wenn sich die Beschwerden anders nicht ausreichend lindern lassen.

Welche Behandlungsstrategie sinnvoll ist, lässt sich am besten gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Die Entscheidung für eine Herzfrequenz kontrollierende oder Herzrhythmus stabilisierende Behandlung ist dabei nicht „endgültig“: Im Laufe der Zeit können andere Gründe hinzukommen, die Behandlungsstrategie zu wechseln.

Was Studien sagen

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