Evidenzbasierte Medizin

Was sind Leitlinien?

Leitlinien geben Empfehlungen, wie eine Erkrankung festgestellt und behandelt werden sollte. Sie richten sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte, aber auch an Pflegekräfte und andere Fachleute im Gesundheitswesen.

Leitlinien sollen dazu beitragen, dass Patientinnen und Patienten angemessen behandelt und versorgt werden. So enthält zum Beispiel die Leitlinie zum Gebärmutterhalskrebs außer Empfehlungen zu Diagnose und Therapie auch solche zu psychosozialer Unterstützung, Rehabilitation und Nachsorge.

Leitlinien fassen das aktuelle medizinische Wissen zusammen, wägen Nutzen und Schaden von Untersuchungen und Behandlungen ab und geben auf dieser Basis konkrete Empfehlungen zum Vorgehen. Eine Leitlinie soll außerdem darüber informieren, wie gut eine Empfehlung wissenschaftlich belegt ist. Leitlinien müssen regelmäßig aktualisiert werden.

Im Gegensatz zu Richtlinien sind Leitlinien rechtlich nicht verbindlich. Das heißt, Ärztinnen und Ärzte können von der in der Leitlinie empfohlenen Behandlung abweichen, wenn sie denken, dass sie für einen bestimmten Patienten nicht geeignet ist. Abweichungen sollten aber jeweils begründet sein.

Zu manchen Erkrankungen gibt es auch allgemeinverständlich geschriebene Patienten-Leitlinien. Sie stehen kostenfrei im Internet zur Verfügung. Einen Überblick über die aktuellen Patienten-Leitlinien bietet die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Wie entstehen Leitlinien?

Im Idealfall werden Leitlinien systematisch entwickelt, also nach einem bestimmten Verfahren:

  • Zunächst wird eine Leitlinienkommission gebildet – mit Fachleuten aus allen für eine bestimmte Erkrankung wichtigen Berufsgruppen. Meist wird sie von einem Mitglied der medizinischen Fachgesellschaft geleitet, die sich mit dieser Erkrankung befasst.
  • Die Leitlinienkommission trägt das Wissen aus verschiedenen Quellen möglichst vollständig zusammen und bewertet es nach festgelegten Kriterien. Unterschiedliche Einschätzungen und Standpunkte der Kommissionsmitglieder werden diskutiert und beim Erstellen der Leitlinie möglichst angemessen berücksichtigt. Das nennt man auch „strukturierte Konsensfindung“.
  • Nicht zuletzt müssen die Mitglieder der Kommission mögliche Interessenskonflikte offenlegen. Sie müssen zum Beispiel angeben, ob sie im Auftrag eines pharmazeutischen Unternehmens gearbeitet haben, das Medikamente gegen die Krankheit herstellt, die die Leitlinie behandelt.

Woran erkennt man eine gute Leitlinie?

Eine gute Leitlinie ist auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft, und ihre Empfehlungen lassen sich im medizinischen Alltag umsetzen. International gibt es mittlerweile einheitliche Standards zur Leitlinien-Bewertung. In Deutschland koordiniert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) die Leitlinien-Entwicklung. Sie teilt Leitlinien in vier Klassen ein:

  • S1-Leitlinie: Sie fasst Handlungsempfehlungen von Expertinnen und Experten zusammen. Das Wissen wird aber nicht systematisch zusammengetragen und bewertet. S1-Leitlinien sind daher nur wenig verlässlich.
  • S2k-Leitlinie: Sie wird von einer für das jeweilige Fachgebiet repräsentativen Kommission erstellt, die Empfehlungen werden nach einer strukturierten Konsensfindung gegeben. Da auch hier das Wissen nicht systematisch gesammelt und bewertet wird, ist die Grundlage für die Empfehlungen ebenfalls nicht sehr verlässlich.
  • S2e-Leitlinie: Hier trägt die Leitlinien-Kommission das Wissen aus unterschiedlichen Quellen systematisch zusammen. Bei unterschiedlichen Auffassungen gibt es jedoch keine strukturierte Konsensfindung.
  • S3-Leitlinie: Nur diese Leitlinienform erfüllt alle der folgenden Anforderungen: Die Kommission ist repräsentativ besetzt, das Wissen wird systematisch gesammelt und bewertet. Und es gibt ein geregeltes Verfahren, um bei verschiedenen Einschätzungen innerhalb der Kommission zu einer einheitlichen Empfehlung zu kommen. S3-Leitlinien sind am verlässlichsten, aber auch am aufwendigsten zu erstellen: Die Entwicklung kann mehrere Jahre dauern. Ergänzend zu S3-Leitlinien werden normalerweise auch Patienten-Leitlinien erstellt.