Evidenzbasierte Medizin

Evidenzbasierte Medizin in Deutschland

Im Gegensatz zu den USA und Kanada wurde die EbM in Deutschland mehr von der Gesundheitspolitik befördert als von Ärztinnen und Ärzten. Mittlerweile spielt sie aber auch hierzulande im Arbeitsalltag vieler medizinischer Fachleute sowie in der Gesundheitsversorgung eine immer wichtigere Rolle.

Das Konzept der evidenzbasierten Medizin kommt aus dem englischsprachigen Raum und erreichte Deutschland in den 1990er Jahren. Dabei stand am Anfang eine kleine Begriffsverwirrung, denn die Eindeutschung von „evidence-based medicine“ in „evidenzbasierte Medizin“ wurde als irreführend empfunden: Im Englischen steht „evidence“ für Indiz oder Beweis. Das deutsche „evident“ meint dagegen „unmittelbar einleuchtend“, also etwas, was keiner weiteren Begründung bedarf. Das ist mit „evidenzbasierter Medizin“ aber gerade nicht gemeint.

Es geht im Gegenteil um eine Medizin, die nichts für selbstverständlich nimmt, sondern immer nach Beweisen und Begründungen für ein bestimmtes Vorgehen fragt. Ganz im Sinne dieses Ansatzes – aber auch, weil er auf Widerstand stieß – folgten zahlreiche Debatten und Auseinandersetzungen darüber, was evidenzbasierte Medizin leisten kann und was im deutschen Gesundheitssystem verändert werden müsste.

Neue Ideen, neue Netzwerke

Die wahrscheinlich erste deutschsprachige Veröffentlichung, die auf die internationale Entwicklung und ihre Bedeutung hinwies, erschien 1995 und stammte vom Sozialmediziner David Klemperer. Interessierte aus Wissenschaft, ärztlicher Selbstverwaltung und Sozialmedizin griffen die neuen Ideen auf. 1998 veranstalteten die Ärztekammer Berlin und die Bundesärztekammer ein erstes Symposium zum Thema „evidenzbasierte Medizin“. Im selben Jahr gründete sich das „“ (DNEbM) – zuerst in Form einer Arbeitsgemeinschaft, seit 2000 als gemeinnützige Fachgesellschaft. Das Netzwerk setzt sich unter anderem dafür ein, „Konzepte und Methoden einer evidenzbasierten und patientenorientierten Medizin in Praxis, Lehre und Forschung zu verbreiten und weiter zu entwickeln“, veranstaltet jährliche Kongresse und bietet Fort- und Weiterbildungen an.

Im Jahr 1999 wurde das in Freiburg gegründet. Es ist Mitglied der internationalen Cochrane Collaboration und informiert unter anderem über dessen Arbeit. Es bietet Schulungen und Fortbildungen an und ist Anlaufstelle für alle, die sich in Deutschland für die Erstellung von systematischen Übersichten interessieren.

Weitere wichtige Institutionen sind das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin () und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Das 1995 gegründete ÄZQ ist ein wissenschaftliches Institut, das von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung getragen wird. Es unterstützt beide bei der Qualitätssicherung und spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Leitlinien. Diese werden von den verschiedenen Fachgesellschaften erarbeitet; die Koordination der Leitlinien-Entwicklung ist eine der Aufgaben ihres Dachverbands AWMF. Leitlinien sind Entscheidungshilfen für Ärztinnen, Ärzte, Patientinnen und Patienten. Sie sollen helfen, eine möglichst gute und qualitätsgesicherte, im Idealfall evidenzbasierte Behandlung zu gewährleisten.

Evidenzbasierung im Gesundheitswesen

Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung bedeutet, dass die Prinzipien der evidenzbasierten Medizin auf alle Bereiche der Gesundheitsversorgung angewendet werden, auch auf Entscheidungen zur Steuerung des Gesundheitssystems. Das meint zum Beispiel, dass die Krankenkassen nur Behandlungen bezahlen, deren Nutzen nachgewiesen ist.

Die Diskussion darüber, ob die Versorgung von Patientinnen und Patienten eigentlich zeitgemäß begründet ist, erreichte Ende der 1990er Jahre auch die Institutionen im Gesundheitswesen. Im Jahr 2000 tauchte der Begriff „evidenzbasierte Leitlinien“ erstmals im 5. Sozialgesetzbuch auf. 2001 beschrieb der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ die evidenzbasierte Medizin als dringend notwendig, um etwas gegen Über-, Unter- und Fehlversorgung im deutschen Gesundheitswesen zu tun. In seinem Bericht zu „Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit“ forderte der Rat, dass Grundsätze evidenzbasierter Versorgung umgesetzt werden müssten.

Eine Konsequenz aus dem Bericht des Sachverständigenrats war 2002 die Einführung sogenannter Disease-Management-Programme (DMP) für Menschen mit chronischen Erkrankungen. DMP sollen sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin ausrichten. Ziel der Programme ist, Krankheiten systematisch und koordiniert zu behandeln und den Teilnehmenden eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.

Die Rolle des IQWiG

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Herausgeber dieser Website, wurde 2004 gegründet. Die Grundlage dafür wurde vor allem in zwei Paragrafen des 5. Sozialgesetzbuches gelegt (139a und 139b), die die Aufgaben und die Arbeitsweise des IQWiG definieren. Danach hat „das Institut zu gewährleisten, dass die Bewertung des medizinischen Nutzens nach den international anerkannten Standards der evidenzbasierten Medizin […] erfolgt.“

– zum Beispiel zur Wirkung von Arzneimitteln, nichtmedikamentösen Verfahren oder Früherkennungsuntersuchungen. Diese Gutachten sind häufig Grundlage für die Richtlinien-Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Der G-BA legt fest, welche medizinischen Leistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden. Außerdem hat das IQWiG den Auftrag, verständliche Gesundheitsinformationen für die breite Öffentlichkeit zu wichtigen Krankheiten zu veröffentlichen.

Auf der IQWiG-Plattform  können Bürgerinnen und Bürger Forschungsfragen stellen. Fachleute werten dann das Wissen zu ausgewählten Themen aus. Die Ergebnisse sollen in künftige Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung einfließen.

Evidenzbasierte Medizin in Deutschland war also eher eine „Revolution von oben“. Im Gegensatz zu den USA und Kanada wurde sie hierzulande eher von der Gesundheitspolitik befördert als von Ärztinnen und Ärzten zur Verbesserung der eigenen Arbeit gefordert. Heute ist sie aber auch in Deutschland auf verschiedene Weise im Arbeitsalltag vieler Ärztinnen und Ärzte angekommen: sei es als evidenzbasierte Richtlinie des G-BA, als evidenzbasierte Leitlinie, als schriftliche Patienteninformation – oder als offenes Gespräch über die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsmöglichkeiten.