Ich musste lernen, dass man nicht alles heilen kann

Foto von Frau beim Treppensteigen (Ulrike Neumann / iStock / Thinkstock) Ingrid, 67 Jahre

„Manchmal akzeptiere ich die Schmerzen und manchmal möchte ich mich in die Ecke setzen und heulen.“

Als die Beschwerden anfingen, war ich etwa 48 Jahre alt. Ich hatte Rückenschmerzen und bin irgendwann damit zum Arzt gegangen. Als Ursache wurde ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert. Ich wurde daraufhin im Krankenhaus behandelt und meine Beine wurden hoch gelagert (A.d.R. Stufenlagerung). Das hat aber nur kurzzeitig geholfen. Dann habe ich Spritzen mit betäubenden Medikamenten, sogenannte Blockaden bekommen. Die haben mir nicht geholfen und ich wurde operiert. Nach der Operation ging es mir eine Zeit lang ganz gut. Aber einige Wochen später haben die Schmerzen wieder angefangen. Zuerst wussten die Ärzte nicht, was los war. Heute gehen sie davon aus, dass die Narbe von der Operation auf die Nervenwurzel drückt und die erneuten Schmerzen verursacht.

Ich konnte nur sehr schlecht sitzen. Zum Beispiel konnte ich nicht mehr in einem Restaurant essen gehen. Bis das Essen kam, musste ich mehrfach aufstehen und immer wieder von einer Pobacke auf die andere rutschen, weil ich sonst die Schmerzen nicht ausgehalten hätte. Ich war dadurch nicht so gut aufgelegt und man unterhält sich auch nicht, sondern ist mit seinen Schmerzen beschäftigt. Das war eine schwierige Zeit.

In der Zwischenzeit ist mein Mann gestorben. Das hat mich sehr belastet und niedergedrückt. Er konnte mich mit meinen Schmerzen sehr gut auffangen. Als er dann nicht mehr da war, habe ich noch im Büro gearbeitet, war aber schon ziemlich oft krankgeschrieben. Die Krankenkasse hat mir dann vorgeschlagen, in Rente zu gehen. Wenn man plötzlich alleine ist und dann auch nicht mehr arbeiten soll, das ist schon schwierig. Ich musste manchmal ganz schön schlucken. Aber ich habe es geschafft, damit zurechtzukommen.

Ich fand es für mich sehr wichtig, zu einem Schmerzspezialisten zu gehen

Von meinem Arzt habe ich Spritzen mit starken Schmerzmitteln bekommen. Mit diesen Medikamenten habe ich regelrecht „neben der Kappe“ gestanden. Mir war damit gar nicht wohl. Am Anfang haben die Spritzen etwa drei Wochen geholfen, später dann nur noch etwa zwei Wochen. Ich hatte damals einen sehr guten Orthopäden. Er hat zu mir gesagt: „Ich komme bei Ihnen nicht mehr weiter. Ich schicke Sie zu einem Schmerztherapeuten.“

Der Schmerztherapeut hat mir anfangs auch Spritzen gegeben. Später hat er mir dann eine sogenannte Schmerzpumpe vorgeschlagen (Anmerkung der Redaktion: mit einer Schmerzpumpe werden über einen Katheter Schmerzmittel in die Nähe des Rückenmarkskanals geleitet). Da war ich zuerst dagegen. Dann sind aber die Zeiträume zwischen den Spritzen wieder geschrumpft, bis ich alle paar Tage spritzen musste. In den Spritzen war auch Kortison enthalten und ich habe dann schon gemerkt, dass die Haut sehr empfindlich geworden ist. Daraufhin hat mir der Schmerztherapeut wieder eine Pumpe vorgeschlagen.

Ich habe dann eingewilligt und so eine Pumpe wurde mir zum Ausprobieren im Krankenhaus eingesetzt. Zu Hause sollte ich dann testen, wie es unter Belastung ist. Und es ging ganz gut. Deshalb habe ich mich für die Pumpe entschieden. Seitdem geht es mir ganz gut. Am Anfang musste ich mich erst daran gewöhnen, aber das ist ja normal.

Ich hatte verständnisvolle Ärzte. Das ist nicht selbstverständlich. Manche Ärzte halten nicht viel von Schmerzmitteln oder überweisen ungern an andere Ärzte. Ich fand es für mich sehr wichtig, zu einem Schmerzspezialisten zu gehen. Wenn der behandelnde Arzt mit so einer Überweisung nicht einverstanden ist, dann besteht ja immer die Möglichkeit, den Arzt zu wechseln.

Ich musste lernen, andere um Hilfe zu fragen

Ich bin damals auch ziemlich lang mit Krücken gelaufen. Das war ganz schön belastend. Da hat mir mein Orthopäde gesagt: „Nehmen Sie doch einen Rollator“. Ich habe das damals zuerst abgelehnt, weil ich dachte, dass das etwas für alte Leute ist. Dann habe ich mich doch dazu entschlossen, weil es mir auf den Keks gegangen ist, dass ich oft nicht wusste wohin mit meinen Krücken. Und heute gehe ich gar nicht mehr ohne den Rollator aus dem Haus. Ich brauche jetzt beispielsweise auch keinen Einkaufswagen mehr, das ist ganz praktisch. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wenn ich keine für mich schwierigen Bewegungen mache – etwa Gartenarbeit oder einen Schrank ausräumen –, dann geht es mit meinen Rückenschmerzen jetzt ganz gut. Manchmal akzeptiere ich die Schmerzen und manchmal möchte ich mich in die Ecke setzen und heulen. Aber das tut dann auch mal gut.

Ich habe jetzt schon über zehn Jahre eine Putzfrau. Ich konnte nicht mehr staubsaugen. Das war eine Bewegung, die mir überhaupt nicht gut tat. Die Entscheidung damals war gar nicht so einfach. Am Anfang haben andere gesagt: „Was, Du nimmst Dir eine Putzfrau?“ Das sind Reaktionen, wenn Leute nicht wissen, wie es einem geht. Wenn man einen Gips hat, dann sieht jeder, dass man krank ist.

Irgendwann musste ich mich entscheiden: für die Pumpe, für den Rollator, für die Putzfrau. Und ich musste lernen, andere nach Hilfe zu fragen. Ob jetzt ein Nagel in die Wand zu schlagen ist oder jemand auf eine Leiter steigen muss. Man muss lernen, dass man andere um Hilfe fragt. Das ist nicht so einfach, man möchte ja die Dinge selber machen.

Wichtig für mich ist, dass man sich aussprechen kann

Mein Bekanntenkreis ist mir sehr wichtig, gerade weil ich alleine bin. Die fragen schon: „Wir fahren dorthin und kannst Du so lange sitzen und magst Du mit?“ Die wissen inzwischen, dass ich Probleme mit langem Sitzen habe. Und wenn wir zu einem Vortrag gehen, schaue ich schon, dass ich in der hintersten Reihe sitze oder am Rand, wo ich jederzeit aufstehen kann.

Was mir viel bedeutet, ist die Selbsthilfegruppe. Wir treffen uns einmal im Monat und das ist sehr schön. Manchmal gibt es Vorträge, wir machen einen Ausflug und wir können jederzeit telefonieren. Ich möchte die Gruppe nicht mehr missen. Wichtig für mich ist, dass man sich aussprechen kann. Wenn es einem psychisch nicht so gut geht, kann man immer jemanden anrufen. Manchmal quasselt man eine halbe Stunde und dann geht es einem wieder besser. Man hat einen Ansprechpartner. Es ist ein besonderes Verständnis füreinander da und die Erfahrungen, die man teilt, verbinden.

Heute kann ich jede Einladung zum Essen annehmen. Ich kann zwar nicht stundenlang sitzen, aber immerhin kann ich mit weggehen und das ist doch schon viel wert.

Ich musste lernen, dass man manche Sachen nicht heilen kann. Ich hatte immer gedacht, dass das doch wieder besser werden muss, geheilt werden muss. Ich musste lernen zu akzeptieren und inzwischen gehören die Schmerzen und die Einschränkungen zu mir. Wir sind nicht gerade Freunde, aber man akzeptiert sich.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: M53, M54, Nieren und Harnwege