Die Insulinpumpe war für mich die richtige Entscheidung

Foto von Frau (PantherMedia / Jens Schade) Marit, 25 Jahre

„Als ich dann gemerkt hatte, dass ich wirklich viel unabhängiger mit der Pumpe bin, dass ich keine Nadeln und keine Pens mehr mitnehmen muss, sondern nur die Pumpe bei mir habe, da war mir klar, dass es die richtige Entscheidung war.“

1999 wurde bei mir Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Das war eher zufällig. Ich war im 2. Ausbildungsjahr und 18 Jahre alt. Meine Mutter hat mich sehr gedrängt, zum Arzt zu gehen. Von allein wäre ich nicht gegangen. Die Begleiterscheinungen wie sehr häufiges Wasserlassen und verschwommenes Sehen hatte ich auf den heißen Sommer geschoben. Ich war immer sehr müde und schlapp, hatte etwas abgenommen und auch eine Entzündung im Intimbereich. Dann war ich an einem Tag sehr müde und hatte auch sieben Liter getrunken. Ich war immer sehr aktiv, aber an diesem Tag bin ich trotz schönem Wetter zu Hause geblieben, weil ich so schlapp war. Meine Mutter hat sich sehr gewundert und mich zu einem Bluttest gedrängt. Ich kam dann ins Krankenhaus und wurde dort sehr gut behandelt. Ich bekam Insulin und die Blutzuckerwerte gingen sofort runter.

Ich musste erst lernen, mich selbst zu spritzen

Als ich mich das erste Mal selbst spritzen sollte, warf ich die Insulinspritze wie im Reflex weg. Obwohl ich selbst Krankenschwester bin, wollte ich mich immer nur von anderen spritzen lassen. Ich wollte das nicht selber machen. Das musste ich aber lernen. Dieser Prozess ging jedoch recht zügig und es hat so ein bis zwei Wochen gedauert, bis ich selbst gespritzt habe.

Nach zwei Wochen im Krankenhaus bin ich dann zur Kur gefahren. Dort hatte ich eine sehr gute Ärztin. Sie hat sehr stark das psychische Wohlbefinden einbezogen und den Diabetes ganzheitlich betrachtet. Sie hat mir verdeutlicht, dass es auch dazugehört, mal ein Eis zu essen oder einen Wein zu trinken. Auch, dass man keine Angst haben soll, Sport zu treiben, sich zu bewegen und wirklich das auszuprobieren, worauf man Lust hat. Das war sehr wichtig für mich, hat mich zum Nachdenken angeregt und hat mir Mut gemacht.

Ich habe mit der intensivierten Insulintherapie angefangen - das heißt Verzögerungs- und Normalinsulin. Ich hatte sehr viele Unterzuckerungen, die auf meinen Sport zurückzuführen waren. Das Langzeitinsulin war bei spontanen sportlichen Aktivitäten schwer zu kalkulieren. Das war der negative Aspekt, der mich belastet hat, weil ich es nicht steuern konnte.

Meine Unabhängigkeit war mir wichtig

Ein Jahr nach der Diagnose stellte ich meine Therapie um auf Verzögerungs- und Analoginsulin. Die Ungleichmäßigkeiten waren zwar nicht ganz verschwunden, aber die Wirkung war ein bisschen besser einzuschätzen. Unterzuckerungen traten immer noch auf. Deswegen habe ich mich dann für eine Pumpe entschieden. Das war vor 6 Jahren. Mir war das für meine Lebensqualität wichtig, weil ich gelesen hatte, dass die Pumpe die Werte stabiler hält und dass ich dadurch unabhängiger sein könnte. Die Entscheidung für eine Pumpe hat sich als richtig erwiesen. Am Anfang war es schwierig. Ich habe gedacht: "Oh Gott, jetzt immer dieses Gerät tragen!". Da war schon eine Diskrepanz da. Als ich dann gemerkt hatte, dass ich wirklich viel unabhängiger mit der Pumpe bin, dass ich keine Nadeln und keine Pens mehr mitnehmen muss, sondern nur die Pumpe bei mir habe, da war mir klar, dass es die richtige Entscheidung war.

In der ersten Zeit mit der Pumpe muss man schon einiges lernen. Nach und nach lernt man die Pumpe besser kennen. Ich probierte verschiedene Einstellungen aus und konnte die Insulinwirkung meinen körperlichen Aktivitäten anpassen. Aber auch hormonelle Umstellungen oder besondere Mahlzeiten konnte ich besser berücksichtigen. Ich habe die Pumpe während meiner Kur erhalten und wollte sie ursprünglich nur testen. Doch sie hat mich überzeugt und ich wollte sie behalten.

Im Winter gewöhnt man sich an die Pumpe und im Sommer, da denkt man manchmal: "Scheiß Ding!" Dann möchte ich enge Sachen anziehen und muss immer erstmal überlegen: "Wo hattest du sie im letzten Jahr?" Man muss immer ein Täschchen dabeihaben oder beim BH- oder Hosenkauf muss man darauf achten, ob die Pumpe reinpasst. Das sind dann schon so Sachen ... , da gewöhnt man sich aber immer wieder schneller daran, als man denkt.

Sport und Sauna – das geht alles

Ich stelle manchmal auch auf die intensivierte Therapie mit Pen um. Zum Beispiel war ich auf einer Hochzeit und wollte ein enges Kleid anziehen - da habe ich auf die intensivierte Therapie umgestellt. Ich bin da ja immer flexibel. Ich kann die Pumpe jederzeit ablegen. Beim Sport und in der Sauna mache ich sie auch für die Stunde ab. Das geht alles.

Was ich für sehr wichtig halte ist, dass man weitersucht, wenn man an einen schlechten Arzt kommt. Ich habe eine Ärztin gefunden, die mich sehr motiviert hat. Das ist sehr wichtig, weil mit der Zeit verändert sich ja auch der Diabetes, die Wirkung des Insulins verändert sich, die Hormone verändern sich und das ist manchmal nicht so leicht zu regeln. Es gibt immer wieder Sachen, die man dazulernen muss. Manchmal, wenn man ein wenig diabetesfaul ist oder einfach nur Gelüste hat, die jeder andere auch kennt, isst man doch ohne nachzudenken. Sich immer wieder neu zu motivieren, ist nicht immer leicht. Man muss auch mal so einen "schlechten" Tag akzeptieren. Das finde ich für die Lebensqualität sehr wichtig.

Der Diabetes ist manchmal psychisch belastend

Im ersten Moment war der Diabetes für mich wie eine normale Krankheit. Die Auseinandersetzung damit kam für mich erst später. Mein Vorteil war, dass ich zum Zeitpunkt der Diagnose 18 Jahre alt war und die Pubertät hinter mir hatte. Ich habe dann erkannt, dass ich für meinen Körper selber verantwortlich bin. Es war eigentlich ein ziemlich schleichender Prozess, dass ich mich immer intensiver mit meinem Körper auseinander gesetzt habe. Heute denke ich, dass diese Auseinandersetzung wirklich das Wichtigste ist. Ich muss meinen Körper kennen und wissen, wie er reagiert. Zu der Erkenntnis sollte man kommen, um mit dem Diabetes gut umgehen zu können. Wenn man das ablehnt, lehnt man sich selber ja auch irgendwo ab.

Der Diabetes ist für mich manchmal auch psychisch belastend, obwohl ich ein sehr positiver und lebensfroher Mensch bin. Aber da gibt es schon Tage, wo ich denke: "So ein Blödsinn!" Wenn ich zum Beispiel mein Messgerät oder die Müsliriegel vergesse... Diese Tage kennt mein Partner auch genau. Solche Tage, wo auch mal Tränen fließen, gibt es vielleicht zweimal im Jahr. Manchmal habe ich Angst, dass dies andere belasten könnte. Aber ich bekomme sehr gute Unterstützung. Ich kann mich hundertprozentig auf meinen Partner verlassen. Und ich habe großes Glück, dass es in meiner Familie gar kein Thema ist. Das ist sehr gut für mich.

Der Diabetes ist nicht das Schlimmste, was mir passiert ist. Ich gehe seit der Diagnose viel bewusster mit mir um. Ich kenne meinen Puls, meinen Blutzucker, meinen Körper und ich weiß sofort, wenn etwas nicht stimmt, und das finde ich schon sehr gut. Es ist nicht immer so, dass ich den Diabetes als Riesenbelastung empfinde. Ich setze mich damit auseinander. Ich habe schon eine hohe Lebensqualität. Andere Menschen haben andere Probleme, die auch belastend sein können.

Ich habe viel über Diabetes gelesen. Ich habe dann für mich gemerkt, dass es am besten ist, wenn ich mir meine Werte aufschreibe, was ich gegessen habe, welche Aktivitäten ich unternommen habe. Dann kann ich aus meinen eigenen Werten lernen. Es ist manchmal schon mühsam, aber ich halte das für sehr sinnvoll - mindestens einen Monat im Jahr. Zum Beispiel kann man dann analysieren, wie ein Spaziergang oder ein Teller Nudeln wirkt. Man kennt dadurch seine Basalrate und den BE-Faktor.

Es war insgesamt ein Prozess über Jahre. Ich denke, der Umgang mit dem Diabetes sollte ganzheitlich sein. Man muss seinen eigenen Weg dabei finden.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: Drüsen und Hormone, E10, G62, G63, Verdauung und Stoffwechsel