Einleitung

Atezolizumab (Handelsname Tecentriq) ist seit September 2017 in Deutschland zur Behandlung von fortgeschrittenem Lungenkrebs zugelassen. Er kommt für erwachsene Patientinnen und Patienten mit einem nicht kleinzelligen Karzinom der Lunge infrage, die bereits eine Chemotherapie erhalten haben.

Lungenkrebs entsteht durch die bösartige Neubildung von Zellen der Atemwege (Bronchien) und ihrer Aufzweigungen, den Bronchiolen. Deshalb spricht man auch von einem Bronchialkarzinom. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Tumorarten:

  • das kleinzellige Karzinom (englisch: small cell lung carcinoma, SCLC) und
  • das nicht kleinzellige Karzinom (englisch: non small cell lung carcinoma, NSCLC).

Ein nicht kleinzelliges Karzinom wird, wenn möglich, operativ entfernt. Manchmal ist es dafür jedoch schon zu groß oder es hat bereits über das Blut- oder Lymphsystem Absiedlungen in anderen Körperregionen (Metastasen) gebildet. In diesem Fall spricht man von fortgeschrittenem Lungenkrebs.

Atezolizumab blockiert die Wirkung eines vom Tumorgewebe hergestellten Proteins namens PD-L1. Dieses Protein hindert die Immunabwehr daran, den Krebs anzugreifen. Atezolizumab soll die Immunabwehr wieder aktivieren und so das Tumorwachstum hemmen.

Anwendung

Atezolizumab wird in einer Dosierung von 1200 mg als Infusion alle drei Wochen über eine Vene verabreicht. Die Behandlung wird beendet, wenn die Erkrankung trotzdem fortschreitet oder zu starke Nebenwirkungen auftreten.

Andere Behandlungen

Als Standardtherapie bei Personen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, wenn vorherige Chemotherapien erfolglos waren, kommen Docetaxel, Pemetrexed oder Nivolumab infrage. Wenn diese Standardbehandlungen nicht möglich sind, kann eine unterstützende Behandlung eingesetzt werden, auch „Best Supportive Care“ (BSC) genannt. Diese Behandlung soll sich individuell an den Bedürfnissen eines Patienten orientieren, Beschwerden wie Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat zuletzt 2018 geprüft, ob Atezolizumab für Personen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs Vor- oder Nachteile im Vergleich zu den Standardtherapien hat.

Aus den vom Hersteller vorgelegten Studien ließen sich nur die Daten von Patientinnen und Patienten auswerten, die für eine Standardtherapie mit Docetaxel, Pemetrexed oder Nivolumab infrage kommen. Dabei wurden 613 Personen mit Atezolizumab behandelt, 612 Personen mit Docetaxel. Für diese Personen zeigen sich folgende Ergebnisse:

Welche Vorteile hat Atezolizumab?

  • Lebenserwartung: Hier weist die Studie für Personen, deren Tumor stark erhöhte Mengen des Proteins PD-L1 besitzt, auf einen Vorteil von Atezolizumab hin: Die Hälfte dieser Personen war nach 20 bis 21 Monaten verstorben, während dies mit der Standardtherapie bereits nach knapp 10 Monaten der Fall war. Für Personen mit weniger PD-L1 auf den Krebszellen zeigte sich kein Unterschied.
  • Appetitverlust: Auch hier deutet die Studie auf einen Vorteil von Atezolizumab bei Personen mit stark erhöhten PD-L1-Mengen hin. Wurden sie mit Atezolizumab behandelt, dauerte es länger bis zum Verlust des Appetits: Nach etwa 8 Monaten war dies bei der Hälfte der Personen mit Atezolizumab der Fall, mit der Standardtherapie bereits nach ungefähr 3 Monaten. Für Personen mit weniger PD-L1 zeigte sich kein Unterschied.
  • Auch für folgende Beschwerden deutet die Studie auf einen Vorteil von Atezolizumab hin:
    • Schmerzen in der Brust
    • Haarausfall
    • Durchfall
    • Bluthusten
    • Mundschmerzen
    • Schluckbeschwerden
    • Nervenentzündungen
  • Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen waren bei Behandlung mit Atezolizumab seltener: In dieser Gruppe brachen knapp 8 von 100 Personen die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen ab. Mit der Standardtherapie war dies bei etwa 18 von 100 Personen der Fall.
  • Bei schweren Nebenwirkungen deuten sich ebenfalls Vorteile für Atezolilzumab an. Dazu zählen:
    • Lungenentzündungen
    • Magen-Darm-Erkrankungen
    • schwere Erkrankungen des Blutes und Lymphsystems
    • Febrile Neutropenien

Welche Nachteile hat Atezolizumab?

  • Immunvermittelte schwere Nebenwirkungen: Als immunvermittelte Nebenwirkungen bezeichnet man Erkrankungen, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Hier weist die Studie auf einen Nachteil von Atezolizumab hin: Traten immunvermittelte schwere Nebenwirkungen bei Behandlung mit Atezolizumab bei 6 von 100 Personen auf, war dies mit der Standardtherapie nur bei einer von 100 Personen der Fall.
  • Schwere Erkrankungen der Atemwege und des Brustraums: Hier deutet die Studie ebenfalls auf einen Nachteil hin. In der Gruppe mit Atezolizumab traten bei knapp 11 von 100 der Personen diese schweren Nebenwirkungen auf, während dies mit der Standardtherapie nur bei 5 von 100 Personen der Fall war.
  • Schwere Skelettmuskulatur-, Bindegewebs- und Knochenerkrankungen: Auch bei diesen schweren Nebenwirkungen deutet die Studie auf einen Nachteil von Atezolizumab hin. In der Gruppe mit Atezolizumab traten bei knapp 5 von 100 der Personen diese schweren Nebenwirkungen auf, während dies mit der Standardtherapie nur bei knapp 2 von 100 Personen der Fall war.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

  • Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Es gab keinen Unterschied zwischen den Therapien.
  • Zudem zeigten sich keine Unterschiede bei Beschwerden wie:
    • Übelkeit und Erbrechen
    • Atemnot
    • Erschöpfung
    • Schlaflosigkeit
    • Schmerzen im Schulter-Arm-Bereich
    • Verstopfung
    • Husten

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse der Gutachten zusammen, die das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis der Gutachten und eingegangener Stellungnahmen über den .