Ich hätte nie ADHS vermutet

Foto von nachdenklicher Frau (PantherMedia / Stephan Köhler) Anne, 38 Jahre, Mutter eines Jungen mit ADHS (10 Jahre)

„Wir hatten schon im Kindergartenalter alle Erziehungsmethoden durch: mal streng, mal autoritär, mal anti-autoritär. Aber egal was wir versucht haben, es hat nichts geändert.“

Schon als mein Sohn ein Kleinkind war, ist meinem Mann und mir klar geworden, dass er sich anders als andere Kinder verhält. Er hat es zum Beispiel als kleines Kind nur schwer länger ausgehalten, wenn wir Besuch hatten oder andere besucht haben. So lange alles noch neu und interessant war, ging es und er hat gespielt, meistens war das etwa eine halbe Stunde. Aber danach hat er angefangen zu stören, zu ärgern und hat irgendwann laut gesagt: „Tschö, bis später. Wir gehen jetzt.“ Oder: „Ihr könnt jetzt gehen.“ Das war mir als Mutter ganz oft unangenehm und ziemlich peinlich. Ähnlich war es auch, wenn bei uns einfach nur viel los war.

Er war impulsiv, ärgerte andere und konnte sich nur schwer konzentrieren

Im Kindergarten ist er auch aufgefallen. Er hat oft andere Kinder geärgert und mit seiner Impulsivität gestört. Aber das war nicht böswillig, eher, wenn es sich so ergeben hat, nach dem Motto „Gelegenheit macht Diebe“. Wenn ein anderes Kind im Weg stand, hat er ein Bein gestellt, es kurz geknufft oder an den Haaren gezogen.

Er konnte sich auch nicht lange auf eine Sache konzentrieren und hat immer wieder schnell etwas anderes angefangen. Auf der anderen Seite fiel es ihm schwer, völlig neue Dinge auszuprobieren. Sich immer wieder mit den gleichen Sachen zu beschäftigen, hat ihn beruhigt.

Unser Sohn hat sehr lange gebraucht, bis er sich die Schuhe selber anziehen oder den Reißverschluss schließen konnte. Damals wusste ich noch nicht, dass ADHS mit einer sich langsamer entwickelnden Feinmotorik einhergehen kann. Ich habe ständig mit ihm geübt und mich gefragt, was ich nur falsch mache. Er war und ist auch noch sehr unruhig am Tisch. Das mussten wir irgendwann akzeptieren.

Da er unser erstes Kind war, hatten wir keinen Vergleich mit Geschwistern. Den Vergleich hatten wir aber mit den Kindern von Freunden. Da wurde uns ganz schnell klar: Unser Sohn verhält sich anders als Gleichaltrige, er tickt einfach anders.

Wir fühlten uns schuldig

Mein Mann und ich haben anfangs die Schuld bei uns gesucht. Wir haben gedacht, durch unsere Erziehung und unseren Umgang mit ihm ist er so geworden. Das hat uns beide sehr belastet. Unsere Eltern und Schwiegereltern haben uns immer wieder gesagt, dass wir strenger, härter und konsequenter sein müssen.

Wir hatten schon im Kindergartenalter alle Erziehungsmethoden durch: mal streng, mal autoritär, mal anti-autoritär. Aber egal was wir versucht haben, es hat nichts geändert. Es war sehr schwer für uns, mit seinem Verhalten umzugehen.

Mit der Zeit haben wir uns auf ihn eingestellt

Irgendwann habe ich dann beschlossen, keinen „Privatkrieg“ mehr gegen meinen Sohn zu führen. Ich liebe ihn ja und will mir außerdem nicht mein Leben verderben, indem ich schon morgens anfange zu schimpfen und zu schreien. Ich habe mich darauf eingestellt.

Aber das hieß für mich auch, eher isoliert zu sein. Ich konnte mich nur noch mit Leuten treffen, die sein Verhalten akzeptierten. Deswegen war ich oft allein mit ihm. Wir waren stundenlang spazieren. Er war und ist ein Kind, das ganz viel raus muss – auch heute noch.

Wir konnten fast nie etwas mit anderen Familien machen oder Freunde einladen. Das endete immer in Geschrei, Ärger und Missmut. Befreundete Eltern machen es meist nicht lange mit, wenn ihre Kinder ohne Grund geärgert werden.

Außerdem reagiert unser Sohn sehr sensibel auf Stress: Ihm wird schlecht oder er bekommt Migräne. Das passiert auch bei positivem Stress, wie einem schönen Ausflug. Wir haben uns als Eltern angepasst und vorgebeugt. Zum Beispiel machen wir möglichst keine langen oder kurvigen Autofahrten mehr, auf die er immer empfindlich reagiert.

Ich dachte, bei ADHS sind die Kinder immer hyperaktiv

Ich hätte nie vermutet, dass unser Sohn ADHS hat. Ich dachte immer, dass ein Kind dabei hyperaktiv sein muss. Aber unser Sohn war es nicht. Er musste nicht ständig herumlaufen und hatte keine Probleme damit, still zu sitzen. Bei ihm stehen die Unaufmerksamkeit und Impulsivität im Vordergrund.

Keiner hatte uns vorher auf ADHS angesprochen. Im Kindergarten haben sie festgestellt, dass er feinmotorisch in der Entwicklung etwas zurück war und uns Ergotherapie empfohlen. Das haben wir dann auch gemacht, aber auch von dort haben wir keinen Hinweis auf ADHS bekommen.

Die Lehrerin hat sein Verhalten persönlich genommen

Dann kam er in die Schule und nach etwa drei Wochen bekamen wir schon die ersten Briefe: Er ist unaufmerksam, hört nicht zu und vergisst ständig Sachen und Aufgaben. Die Lehrerin konnte damit nur schlecht umgehen und hat sein Verhalten persönlich genommen. Er ist mit der Zeit aggressiv gegen andere Schüler geworden und konnte seine Aggressionen teilweise gar nicht mehr dosieren. Er war extrem unglücklich in der Schule, morgens weinte er oft und hatte Bauchschmerzen.

Die Lehrerin kam dann irgendwann zu uns und hat uns nahegelegt, mit ihm zum Kinder- und Jugendpsychiater zu gehen. Das hat mich sehr getroffen. Aber so ging es nicht weiter, deshalb haben wir einen Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychiater gemacht. Nach umfangreichen Untersuchungen bekamen wir das Ergebnis: „Ihr Sohn hat ADHS.“ Das hat mich umgehauen.

Medikamente kamen für uns nicht infrage

Für mich war sofort klar: Medikamente kommen nicht infrage. Ich habe mir Sorgen wegen der Nebenwirkungen gemacht. Dann habe ich mir erstmal Literatur besorgt und mich eingelesen.

Wir haben angefangen, unseren Alltag ganz klar zu strukturieren. Das bedeutete, dass wir versucht haben, immer gleiche Abläufe zu schaffen. Zum Beispiel: tägliches Mittagessen zur gleichen Zeit, kurze Pause, dann Hausaufgaben, Spielen, Abendbrot und zu Bett gehen. Immer zu den gleichen Zeiten. Der Tag musste für ihn klar und überschaubar sein. Auch am Wochenende haben wir diese Struktur eingehalten. Instinktiv haben wir das auch schon vorher gemacht, aber dann war völlig klar, es muss für uns so sein. Mittlerweile fordert er die Tagestruktur selber ein und fragt jeden Morgen: „Was machen wir heute?“

Mit Spontaneität kann er nicht gut umgehen. Aktivitäten und Ereignisse müssen oft Stunden vorher angekündigt sein, damit er sich darauf einstellen kann.

In der Schule bekam er nach einiger Zeit eine neue Lehrerin. Das war quasi unsere Rettung. Sie kannte sich mit ADHS aus und hat sich mit unserem Sohn auseinandergesetzt. Sie hat ihn zum Beispiel zu sich nach vorn gesetzt, ohne einen Banknachbarn. So hat er sich nicht gestört gefühlt und hat auch andere nicht gestört. Mindestens alle drei Wochen habe ich mich mit der Lehrerin getroffen, um über die Probleme zu sprechen und darüber, was geübt werden muss.

Für die Schule haben wir viel mit unserem Sohn geübt. Wir mussten Dinge ganz oft wiederholen, bis es einigermaßen saß. Wir haben das aber sehr dosiert gemacht, damit es nicht zu viel wurde. Jeden Tag 15 Minuten, auch in den Ferien. Ich habe mir ein kleines Belohnungssystem ausgedacht und er bekam nach einer gewissen Zeit immer etwas. Jetzt ist er in der 4. Klasse und kommt in diesem Jahr auf eine Realschule.

Dann haben wir doch Medikamente ausprobiert

Sein Umgang mit uns und mit seinen Freunden war aber immer noch sehr anstrengend. Seine schulischen Leistungen wurden zwar besser, aber Probleme gab es weiterhin. Irgendwann haben wir beschlossen, doch Medikamente auszuprobieren. Er nimmt sie nun seit eineinhalb Jahren ein. Dabei hat es fast vier Monate gedauert, bis wir die richtige Dosierung gefunden haben.

Danach war er ganz anders: Plötzlich war er ein ruhiges, ansprechbares Kind und konnte sich auf Freunde einlassen. Ich habe gemerkt, wie es ihm selbst gut tat, runterzukommen. Und er hat seine Aufgaben gemacht, ohne zu diskutieren. Vorher gab es in der Regel immer großes Theater.

Einige denken, dass ADHS-Kinder mit den Medikamenten ruhiggestellt werden. Das ist bei unserem Sohn nicht so. Er kann sich mit den Medikamenten konzentrieren, sich zum Beispiel ein Glas Wasser einschenken, ohne dass die Hälfte daneben geht.

Es gibt aber auch Nebenwirkungen der Tabletten. Vor allem isst er viel weniger. Zu Beginn der Tabletteneinnahme hat er deshalb abgenommen. Und er schläft auch schlechter.

Im Urlaub haben mein Mann und ich ab und zu versucht, die Medikamente wegzulassen oder ihm eine geringere Dosis zu geben. Das war aber jedes Mal die Hölle. Wir haben ganz schnell gemerkt, dass es derzeit ohne Medikamente nicht geht.

Unser Alltag heute

Unser Sohn hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr positiv entwickelt. Ihm geht es mit den Medikamenten gut. Nach wie vor gibt es ein paar Einschränkungen, mit denen wir aber mittlerweile leben können.

Im Laufe der Zeit ist allen klar geworden, dass er immer wiederkehrende Rituale und viel Routine braucht. So läuft jeder Tag bei uns nach dem gewohnten Rhythmus ab und mein Mann oder ich sind wenn möglich mit dabei. Er braucht Struktur.

Das macht uns allerdings auch unflexibel. Spontane Verabredungen mit Freunden sind nicht so einfach möglich. Da muss die Uhrzeit passen, wir müssen das Essen planen und auch schauen, wer noch eingeladen ist, damit sich die Kinder verstehen. Wir müssen immer prüfen, ob das Freizeitprogramm auch für ihn passt und wenn nötig Kompromisse finden.

Etwa gegen fünf oder sechs Uhr nachmittags, wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt, wird sein Verhalten wieder sehr auffällig. Deswegen achten wir darauf, dass er dann nicht mehr mit Freunden unterwegs ist, wir nicht mehr auf Familienfeiern oder bei anderen Aktivitäten sind. Sonst wird es anstrengend und er fängt wieder an, an mir zu zerren, lauter zu werden und mich oder andere zu ärgern.

Unser Leben ist anstrengend und es gibt keinen Tag, an dem man sagen kann, es war nichts los. Unser Sohn hat einen großen Bewegungsdrang und muss immer raus. Die Medikamente helfen ihm, ruhiger und konzentrierter zu sein. Aber er kann sich nach wie vor nur schwer selbst beschäftigen. Er fordert immer einen Plan ein und will wissen, was wir als nächstes machen.

Er hat als Kind eigentlich nicht richtig gespielt, sondern eher aufgeräumt und gearbeitet. Das macht er heute noch: Er fegt das Haus und die Straße, schippt Schnee, zupft Unkraut. Mit seinem Freund ist er in letzter Zeit aber oft am Bach in der Nähe unseres Hauses. Da klettern sie, bauen Staudämme und so weiter. Aber solche Rollen- und Fantasiespiele, wie sie unser jüngerer Sohn spielt, das kann er nicht.

Er ist sehr sparsam und sammelt Pfandflaschen. Das ist eines seiner Hobbys. Damit hat er auch schon viel angespart. Und er züchtet Schmetterlinge: In Zuchtkästen haben wir im letzten Jahr mehr als 100 Schmetterlinge gezüchtet! Er sucht sich schon Beschäftigungen, aber die sind irgendwie anders als bei anderen Kindern.

Demnächst wird er auf eine Realschule gehen. Wir haben uns gegen eine Ganztagsschule entschieden. Er schafft es nicht, den ganzen Tag in der Schule zu sein, weil er zwischendurch Pausen braucht. Er kommt mittags nach Hause, danach verläuft der Rest des Tages immer nach dem gleichen Schema.

Viele denken, ADHS ist eine Modeerscheinung oder die Folge schlechter Erziehung

Sehr schwierig für uns ist es nach wie vor, mit Kommentaren anderer umzugehen. Oft bekommen wir Bemerkungen, dass wir härter und konsequenter sein müssten und werden vorwurfsvoll gefragt, warum er bestimmte Sachen noch nicht kann. Ich habe nur ganz ausgewählten Leuten von seiner Erkrankung erzählt und dass er Medikamente einnimmt.

Die Lehrer in der Schule wissen es, da bin ich offen. Aber sonst erzähle ich es nicht. Oft hat man das Gefühl, dass andere ADHS nicht als Krankheit, sondern als Modeerscheinung oder schlechte Erziehung einstufen. Das belastet mich sehr.

Wenn ich mit einer anderen Mutter unterwegs bin, deren Kinder ähnliche Probleme haben, dann ist das für mich sehr erleichternd. Man versteht sich einfach.

Ich muss für mich sorgen

Das alles belastet mich sehr, psychisch und körperlich. Ich war in den letzten Jahren öfters krank und immer wieder erkältet.

Wir schicken beide Kinder gegen 20 Uhr ins Bett. Er schläft zwar meistens erst gegen halb zehn ein. Aber für mich war irgendwann klar: ab 20 Uhr ist Ruhe. Ich kann dann einfach nicht mehr und brauche die Zeit für mich. Meistens lese ich, das ist meine Erholung. Ich treffe mich auch ab und zu mit Freundinnen, aber ich kann am Abend nicht mehr so viel reden und telefoniere auch nur ungern. Ich brauche eher Zeit für mich allein, in der keiner etwas von mir will.

Ich gehe etwa zweimal pro Woche in den Wald laufen, walken oder fahre mit dem Rad. Das ist für mich sehr wichtig, da kann ich abschalten. Ich bin auch in einer Selbsthilfegruppe für Eltern, die mir sehr gut tut. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen mit den Medikamenten, den Nebenwirkungen und mit der Freizeitgestaltung aus. Man hört auch mal, dass es bei anderen genauso schlechte Tage gibt und andere auch so belastet sind. Das ist sehr erleichternd und eine große Hilfe.

Wir hätten viel früher zum Arzt gehen sollen

Wenn ich ehrlich bin, graut mir ein wenig vor der Pubertät. Aber ich verdränge das noch und wir leben von Tag zu Tag. Ich hoffe, dass er in den nächsten Jahren immer selbstständiger wird. Mittlerweile geht er gern auf die Skaterbahn. Ich lade oft Freunde von ihm ein und wir gehen in den Zoo oder unternehmen etwas. Er hat sich auch eine gute Position in der Klasse erkämpft und ist kein Außenseiter mehr. Er hat zwar keinen sehr großen Freundeskreis, aber doch ein paar gute Freunde.

Ich finde es wichtig, so schnell wie möglich zu einem Kinder- und Jugendpsychiater zu gehen, wenn man spürt, dass das Kind anders ist als andere und alle möglichen Erziehungsmethoden nicht greifen. Im Nachhinein denke ich, wir hätten viel früher zum Arzt gehen sollen. Wir wollten es einfach nicht wahrhaben.

Unser Leben hat sich durch die Medikamente komplett gewandelt. Es ist eine wahnsinnige Erleichterung. Natürlich können die Medikamente auch Nebenwirkungen haben. Aber wir nehmen eine Appetitlosigkeit und ein erschwertes Einschlafen für ein besseres Familienleben gerne in Kauf.

Ich könnte mir heute ein Leben ohne Medikamente nicht mehr vorstellen. Unser Sohn hat in der Schule Erfolgserlebnisse und Noten im Zweier- bis Dreierbereich. Er hat Freunde und kann ein normales Leben führen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: ADHS, Aufmerksamkeitsstörung, F90, Kind und Familie, Psyche und Gemüt, R46