ADHS bei Erwachsenen

Foto von Mann beim Blick auf die Armbanduhr (PantherMedia / Sasa Mihajlovic) Eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beginnt im Kindes- und Jugendalter. Bei vielen gehen die Symptome mit zunehmendem Alter zurück, bei manchen bleiben sie allerdings bis ins Erwachsenenalter bestehen. Bei einigen Menschen wird eine ADHS auch erst im Erwachsenenalter festgestellt.

Fachleute haben sich auf bestimmte Kriterien geeinigt, die für eine ADHS-Diagnose erfüllt sein müssen. Sie beschreiben verschiedene Ausprägungen von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Schätzungsweise 15 % der Kinder und Jugendlichen mit ADHS erfüllen diese Kriterien auch noch, wenn sie erwachsen sind. Allerdings äußert sich eine ADHS bei Erwachsenen häufig anders. Die Hyperaktivität geht oft zurück und die Unaufmerksamkeit steht im Vordergrund.

Es kommt vor, dass eine ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wird. Für Erwachsene mit ADHS kann es schwierig sein, Unterstützung zu finden. Da ADHS bisher meist als Problem des Kindesalters betrachtet wurde, sind die Angebote zur Beratung und Behandlung von betroffenen Erwachsenen noch nicht so verbreitet wie für Kinder und Jugendliche.

Wie äußert sich eine ADHS im Erwachsenenalter?

Bei Erwachsenen ist eine ADHS weniger offensichtlich als bei hyperaktiven, „zappeligen“ Kindern und Jugendlichen. Erwachsene mit ADHS haben vor allem Probleme, ihren Alltag oder ihre Arbeit zu organisieren, sich über längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren, Termine einzuhalten oder Rechnungen zu bezahlen.

Sie sind aber auch sehr impulsiv. Zum Beispiel reden Erwachsene mit ADHS viel und unterbrechen andere oft. Manche bekommen schnell Ärger, beenden voreilig Beziehungen, wechseln von jetzt auf gleich den Job oder kündigen, bevor sie eine neue Stelle haben. Auch im Straßenverkehr kann es zu Schwierigkeiten kommen, etwa durch rücksichtsloses Fahren.

Viele Erwachsene mit ADHS tun sich schwer damit, ihre Gefühle im Gleichgewicht zu halten. Sie sind leicht reizbar, neigen zu Wutausbrüchen und haben eine niedrige Frustrationstoleranz. Wenn sie gestresst sind, fällt es ihnen schwer, ihre Pflichten zu erfüllen. Erwachsene mit ADHS können auch Schwierigkeiten haben, sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen.

In der Öffentlichkeit und von manchen Fachleuten wird noch immer darüber diskutiert, ob ADHS im Erwachsenenalter tatsächlich existiert. Viele Fachgesellschaften in Deutschland erkennen ADHS bei Erwachsenen heute aber als Diagnose an. Auch eine medikamentöse Behandlung ist inzwischen zugelassen.

Entscheidend ist: Wenn jemand psychische Probleme hat, die die Lebensqualität deutlich und über längere Zeit beeinträchtigen, ist es sinnvoll, professionellen Rat einzuholen. Wichtig ist zudem, dass eine ADHS-Diagnose sorgfältig gestellt wird, damit es nicht zu unnötigen oder falschen Behandlungen kommt.

Wie wird ADHS bei Erwachsenen festgestellt?

Die Diagnosekriterien sind bei Erwachsenen im Prinzip dieselben wie die bei Kindern mit ADHS. Eine Diagnose wird gestellt, wenn

  • die Auffälligkeiten in der Kindheit begonnen haben,
  • mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität vorhanden sind,
  • in mehr als einem Lebensbereich Probleme bestehen und
  • das Sozial- oder Berufsleben stark beeinträchtigt ist.

Manche Menschen mit ADHS haben in der Kindheit nie eine Diagnose erhalten. Für sie gibt es einen speziellen Fragebogen, der Ärztinnen und Ärzten helfen soll, die Diagnose rückblickend zu stellen. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass sie Medikamente verordnen dürfen.

Wichtig ist, andere psychische Erkrankungen auszuschließen, die die Symptome erklären könnten. Manchmal wird eine ADHS für eine Persönlichkeitsstörung wie das Borderline-Syndrom gehalten. Auch Erkrankungen wie die bipolare Störung können mit ADHS verwechselt werden.

Viele Menschen mit ADHS haben zusätzlich Begleiterkrankungen oder weitere Probleme wie soziale Verhaltensstörungen, Depressionen, eine Tic-Störung oder Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Solche Begleiterkrankungen können unter Umständen eine Folge der ADHS sein. Viele Erwachsene mit ADHS berichten, dass sie nur wenig Selbstbewusstsein haben, manche entwickeln deshalb eine Depression. Alkohol oder Drogen können für Betroffene ein Versuch sein, die Probleme einer ADHS zu bewältigen oder Symptome zu lindern.

Wie gehen andere mit der Erkrankung um?

Viele Erwachsene mit ADHS haben vor allem wegen ihrer Unaufmerksamkeit und Impulsivität Probleme. Manche entwickeln aber gute Strategien, um damit umzugehen, zum Beispiel:

  • Den Tag genau planen und Erinnerungslisten erstellen, damit man nichts vergisst. Dabei ist es wichtig, sich nicht zu viel vorzunehmen.
  • Aufgaben in kleinere Schritte aufteilen, damit es leichter fällt, sie nach und nach zu erledigen.
  • An wichtigen Stellen Erinnerungshilfen platzieren, etwa an der Haustür, am Kühlschrank oder im Auto.
  • Wichtige Termine und Aufgaben in einem Notizbuch oder einer Handy-App vermerken.
  • Routinen einführen und zum Beispiel wichtige Gegenstände wie den Hausschlüssel oder die Brieftasche immer am gleichen Ort hinterlegen.

Da die Probleme bei ADHS sehr individuell sind, ist es schwierig, allgemeingültige Ratschläge zu geben. Viele Menschen finden aber mit der Zeit heraus, was ihnen helfen kann, im Alltag besser zurechtzukommen. Die Unterstützung von Freunden und Familie ist dabei hilfreich.

An wen können sich Erwachsene mit ADHS wenden?

Für Erwachsene mit ADHS sind in der Regel Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie, psychosomatische Medizin, Neurologie sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten zuständig. Wenn junge Menschen mit ADHS volljährig werden, ist es sinnvoll, frühzeitig nach einer neuen Praxis zu suchen, da es eine Weile dauern kann, bis man einen Arzttermin bekommt. Manchmal können aber auch Volljährige bis zum Alter von 21 Jahren weiter bei ihrem Kinder- und Jugendpsychiater oder -therapeuten behandelt werden.

Wem soll ich von meiner Diagnose erzählen?

Menschen mit psychischen Erkrankungen fragen sich oft, ob sie anderen von ihrer Diagnose erzählen sollen. Enge Freunde oder Familienangehörige wissen vielleicht Bescheid. Anders ist es am Arbeitsplatz: Ob man Kollegen oder Vorgesetzten von seiner Diagnose erzählt, ist eine sehr schwierige und persönliche Abwägung. Viele Menschen behalten ihre Diagnose für sich, weil sie

  • Angst davor haben, den Job zu verlieren oder einen Job nicht zu bekommen;
  • befürchten, am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden;
  • über ihre Rechte als Arbeitnehmer unsicher sind oder
  • ihre Erkrankung als etwas Privates sehen, das niemanden etwas angeht.

Es gibt aber auch Gründe, die für einen offenen Umgang mit der Diagnose sprechen:

  • Auf Dauer kann es psychisch anstrengend sein, die Erkrankung vor anderen zu verstecken.
  • Die Angst, dass vielleicht doch jemand dahinterkommen könnte, belastet häufig.
  • Offen und ehrlich mit seinen Problemen umzugehen, kann erleichternd sein.
  • Wenn die Erkrankung nicht bekannt ist, ist es nicht möglich, Ansprüche auf Hilfeleistungen zu stellen.
  • Von Kollegen und Vorgesetzen, die von der Erkrankung wissen, ist eher Unterstützung und Verständnis zu erwarten.

Weil es je nach der persönlichen Situation verschiedene Vor- und Nachteile haben kann, offen mit einer psychischen Erkrankung umzugehen, gibt es keine allgemeine Antwort auf die Frage, wem man von der Diagnose erzählen soll. Es kann helfen, sich dazu von der Ärztin, dem Arzt oder Psychotherapeuten beraten zu lassen. In größeren Firmen besteht oft die Möglichkeit, sich zunächst vertraulich an den Betriebsrat oder den betriebsärztlichen Dienst zu wenden.

Schlagwörter: ADHS, Aufmerksamkeitsstörung, F90, Hyperaktivitätsstörung, Kind und Familie, Psyche und Gemüt, R46